Premiere: Mit dem Wasserstoffzug durch die Metropolregion Hamburg

Die Eisenbahnen und Verkehrsbetriebe Elbe-Weser starten Linienbetrieb mit einer ersten Flotte aus Wasserstoffzügen
18. Oktober 2022
EVB's hydrogen train

Wasserdampf statt Dieselschwaden – Ganz ohne klimaschädliche Emissionen pendeln fünf Wasserstoffzüge seit dem Spätsommer im Regionalverkehr zwischen Cuxhaven, Bremervörde und Buxtehude. Bis zum Jahresende sollen es 14 Bahnen sein. Eine Weltpremiere laut Betreiber. Sie ersetzen 15 Dieselzüge, die bisher auf dieser Strecke am westlichen Rand der Metropolregion Hamburg fuhren. Käufer der neuen Züge ist die Landesnahverkehrsgesellschaft Niedersachsen mbH, Betreiber die Eisenbahnen und Verkehrsbetriebe Elbe-Weser (EVB). Es ist ein großer Schritt, um den Verkehrssektor nach und nach zu dekarbonisieren. Weitere Regionen haben ebenfalls Interesse an den Wasserstoffzügen gezeigt. So könnte das Verkehrswendevorbild im Elbe-Weser-Dreieck schon bald Nachahmer finden.

Wasserstoffzug mit einer Reichweite von mehr als 1.000 Kilometern

„Wir sind stolz darauf, weltweit der erste Betreiber von Wasserstoffzügen im planmäßigen Personenverkehr zu sein“, sagt Christoph Grimm, Geschäftsführer der EVB. Möglich wird dieser Schritt mit dem in Salzgitter gefertigten Zugmodell Coradia iLint vom französischen Mobilitätskonzern Alstom. Elektro- statt Dieselmotoren treiben die 54 Meter langen Triebwagen mit jeweils 155 Sitzplätzen auf eine Höchstgeschwindigkeit von bis zu 140 Kilometern pro Stunde an. Brennstoffzellen auf dem Zugdach wandeln dazu Wasserstoff in elektrischen Strom um. Dabei reagiert das Gas mit dem Sauerstoff der Luft und als Abgas entsteht lediglich Wasserdampf. Der Verbrauch liegt dabei zwischen 200 bis 300 Gramm Wasserstoff pro Kilometer. So lässt sich unter hohem Druck von 350 bar in den ebenfalls auf dem Dach installierten Tanks genug Wasserstoff für eine Reichweite von mehr als 1.000 Kilometern speichern.

Diese große Reichweite konnten die Alstom-Ingenieur:innen erst Mitte September unter Beweis stellen. Ein Zug aus der im Elbe-Weser-Dreieck eingesetzten Flotte legte zwischen Bremervörde und München die Rekordstrecke von 1.175 Kilometern mit nur einer Wasserstoff-Tankfüllung zurück. „Mit dieser Fahrt haben wir einen weiteren Beweis dafür geliefert, dass unsere Wasserstoffzüge über alle Voraussetzungen verfügen, um Dieselfahrzeuge zu ersetzen“, sagt Henri Poupart-Lafarge, Vorstandsvorsitzender vom Alstom.

Stakeholders in hydrogen train
© EVB/Sabrina Adeline Nagel
Wasserstoff-Premiere – die beteiligten Akteur:innen

Wasserstofftankstelle in Bremervörde

Der umweltfreundliche Wechsel von Diesel auf Wasserstoff verlangt aber auch nach einer neuen Infrastruktur auf nicht elektrifizierten Bahnstrecken. So entstand in Bremervörde, in Zusammenarbeit mit dem Gasunternehmen Linde, eine erste Wasserstofftankstelle für Züge im Linienbetrieb. Dies sei weltweit einmalig, so die Beteiligten. Sie besteht aus vierundsechzig 500-bar-Hochdruckspeichern mit einer Kapazität von insgesamt 1.800 Kilogramm Wasserstoff. Sechs Verdichter für die Hochdruckkompression des Gases und zwei Zapfsäulen ergänzen die Anlage. Zum Vergleich: Ein Kilogramm Wasserstoff ersetzt im Einsatz etwa 4,5 Liter Diesel.

Noch wird hier konventionell erzeugter Wasserstoff, der zum Großteil aus Erdgas gewonnen wird, gespeichert und vertankt. Doch in Zukunft ist vor Ort auch die Erzeugung von grünem Wasserstoff mittels Elektrolyse aus Wind- und Solarstrom geplant. Ab dann wäre der komplette Betrieb der Regionalzüge klimaneutral. „Uns freut, dass wir hier die weltweit erste Tankstelle für Züge in Betrieb sehen und damit einen neuen Mobilitätssektor erschließen“, sagt Dr. Mathias Kranz, Linde-Geschäftsleiter Onsite und Bulkgeschäft in Deutschland.

Wasserstoffzüge: Förderung von Bund und Land

Der Schritt hin zu einem klimaneutralen Zugverkehr auf nicht-elektrifizierten Strecken ermöglichte eine FörderungSo übernahm das niedersächsische Verkehrsministerium einen Großteil der Kosten für die Beschaffung der Züge in Höhe von mehr als 85 Millionen Euro. Im Rahmen des Nationalen Innovationsprogramms Wasserstoff- und Brennstoffzellentechnologie unterstützte der Bund diese Anschaffung mit 8,4 Millionen Euro und beteiligte sich zusätzlich an den Kosten für die Tankstelle mit 4,3 Millionen Euro.

Vorbild für Verkehrsbetriebe in Europa

Voraussichtlich werden die Pendler:innen im Elbe-Weser-Dreieck nicht allzu lange die Einzigen sein, die mit Wasserstoffzügen im Linienverkehr unterwegs sind. Laut Alstom ist das internationale Interesse an nachhaltiger Mobilität groß. So wurde der Konzern bereits mit der Lieferung von 27 Coradia iLint-Zügen für den Einsatz im Großraum Frankfurt beauftragt. Außerhalb Deutschlands ist in der italienischen Region Lombardei der Einsatz von bis zu 14 Wasserstoffzügen geplant.
jol/nj/sb