Was bewegt den Journalismus der Zukunft?

Die wichtigsten Learnings vom Scoopcamp 2021, der Innovationskonferenz für Medien – von der Gen Z über KI bis zum Thema Vertrauen
22. September 2021
Scoopcamp

Generation Z, künstliche Intelligenz, Transparenz und Vertrauen – Diese vier Begriffe waren während des diesjährigen Scoopcamps immer wieder zu hören. So fragte beispielsweise Ex-„Guardian“-Chefredakteur Alan Rusbridger in seiner Keynote „Why should they believe us?” und Opinary-Gründerin Pia Frey zeigte anhand von Strichmännchen, was die etablierte Verlagswelt von der sogenannten Creator Economy, einer wachsenden Zahl von Einzelpersonen, die mithilfe von Tools ihre User:innen zahlen lassen, lernen kann. Die hybride Innovationskonferenz für Medien, organisiert von der Standortinitiative nextMedia.Hamburg und der dpa (Deutsche Presse-Agentur) brachte erstmals zwei volle Tage lang (15. und 16. September 2021) Expert*innen und Innovator*innen der IT- und Medienbranche zusammen – vor Ort im designexport in der HafenCity und zuhause im Livestream. Die Hamburg News waren dabei.

Etablierter Journalismus trifft auf Generation Z

„Wie erreichen wir auch in Zukunft Leser*innen bzw. User*innen?“ Dies sei eine der größten Herausforderungen, die sich die Medienbranche in den kommenden Jahrzehnten stellen müsse, sagte Julia Becker, Aufsichtsratsvorsitzende der Funke Mediengruppe, anlässlich der Eröffnung des Scoopcamps am 15. September. Im Mittelpunkt des erste Konferenztags, moderiert von Tagesschau-Sprecher Constantin Schreiber, standen die Themen Nachrichtenkonsum und Nachrichtenkompetenz der Generation Z (Gen Z).

„Nachrichtenkompetenz ist mehr als ein Schlagwort im Bildungsdiskurs. Sie ist gleichermaßen für die informierte Öffentlichkeit und die Medienbranche von fundamentaler Bedeutung", so Hamburgs Senator für Kultur und Medien Carsten Brosda zur Eröffnung der Konferenz. „Denn wer den Wert seriöser Nachrichten nicht erkennen kann, wird auch nicht bereit sein, dafür zu bezahlen“, so Brosda weiter.

Alan Rusbridger, Scoopcamp 2021
© dpa/Marcelo Hernandez
Ex-„Guardian“-Chefredakteur Alan Rusbridger

Rusbridger: „Try to get inside the mind of generation Z!“

Aufgewachsen mit 9/11, Finanzkrise, Klimakrise und Corona-Krise seien die Digital Natives von Unsicherheit geprägt und hätten nur wenig Vertrauen in die etablierten Institutionen, betonte Alan Rusbridger, ehemaliger „Guardian“-Chefredakteur, in seiner Keynote. Dabei würden die klassischen Medien unterschätzen, wie sehr auch ihnen als Teil der herrschenden Eliten misstraut werde, warnte der Pulitzer-Preisträger und forderte alle Medienschaffenden auf: „Try to get inside the mind of generation Z!“ Unabdingbar seien hierfür Aspekte wie Transparenz, Interaktion („Gespräche statt Megafon“), Authentizität, eine offene Fehlerkultur, Unabhängigkeit und ein Fokus auf das Wesentliche. Am Nachmittag ging es in einer Panel-Diskussion unter anderem darum, welchen Einfluss Influencer*innen auf die Meinungsbildung von Jugendlichen haben, und was diese mit Journalist*innen verbindet – oder auch nicht.

Paywalls & Co. – Kampf um Aufmerksamkeit nimmt zu

„Der Kampf um Aufmerksamkeit, Bezahlbereitschaft und Talente wird noch härter werden“, prognostizierte Opinary-Gründerin Pia Frey am zweiten Konferenztag (16. September). Denn noch nie war es für Kreative sowie Journalist*innen einfacher, eine eigene Reichweite aufzubauen und mit ihren Follower*innen Geld zu verdienen. Die Gewinnerin des diesjährigen Scoop-Awards skizzierte mithilfe von Strichmännchen, wie das Distanzverhältnis der Creator Economy, also Einzelpersonen, die beispielsweise mit eigenen Fach-Newslettern und Podcasts Geld verdienen, und etablierten Verlagen, die sich zunehmend hinter abstrakten Paywalls „verstecken“, immer größer werde. Darauf zahle auch das von Rusbridger bereits erwähnte Misstrauen der Gen Z gegenüber großen Institutionen ein, so Frey weiter. Anstatt ihr gesamtes Angebot pauschal hinter anonymen Paywalls zu platzieren, sollten Medienhäuser einzelne Themenkanäle gezielt sichtbar machen. Dazu gehöre es auch, stets den Austausch mit User*innen zu suchen, bestenfalls durch die Redakteur*innen selbst.

Pia Frey Scoopcamp 2021
© dpa/Marcelo Hernandez
Scoop-Award-Gewinnerin Pia Frey

Drei Startups, die mit KI die Medienbranche revolutionieren wollen

Am Nachmittag ging es um die künstliche Intelligenz im Journalismus. So kamen die Gründer*innen von drei vielversprechenden Medien-Startups zu Wort:

Ourdio: Johannes Knippenberg und Evangelia Kokinaki aus Bielefeld setzen KI ein, um Stimmen von professionellen Sprecher*innen zu synthetisieren. Damit lassen sich zum Beispiel Hörbücher für Kinder personalisieren, indem Namen oder der Wohnort angepasst werden. Das Team hat am zweiten Durchgang des Media Lift Förderprogramms von nextMedia.Hamburg teilgenommen.

Scriptbakery: „Wir haben einen Algorithmus entwickelt, der in sieben Sekunden ein Buch durchlesen kann“, erklärte Jonas Navid Al-Nemri auf der Bühne. Damit könne das fünfköpfige Startup „Emotionen aus Texten destillieren“ und so analysieren, wie diese zum Bedürfnis der Leser*innen passt. Mit ihrem Geschäftsmodell will der Freiburger Verlage und Zeitschriften ansprechen, und nimmt aktuell am Next Media Accelerator (NMA) in der Elbmetropole teil.

Trensition: Auch der Belgier Vincent Defour setzt auf KI. Zusammen mit einem zehnköpfigen Team entwickelt er eine Plattform, die mithilfe von künstlicher Intelligenz die Trend- und Zukunftsforschung automatisieren soll. Ziel ist es, Entscheidern in Medienunternehmen dabei zu helfen, optimale strategische Entscheidungen zu treffen.

Zukunftstechnologie Künstliche Intelligenz im Journalismus

Im Anschluss diskutierten Christina Elmer, Professorin für digitalen Journalismus und Datenjournalismus an der TU Dortmund, Uli Köppen, Head of AI + Automation Lab beim Bayerischen Rundfunk, und Matthias Spielkamp, Mitgründer und Geschäftsführer von AlgorithmWatch, darüber, wie die Medienbranche das Potenzial von KI als Zukunftstechnologie voll ausschöpfen kann. Die Expert*innen waren sich einig, dass die Debatte um KI noch immer von vielen Klischees und falschen Ängsten geprägt sei. Demnach seien weniger Mystifizierung, mehr Differenzierung, Transparenz und konkrete Anwendungsbeispiele entscheidend für die Akzeptanz dieser Technologie – sowohl bei den Nutzer*innen als auch bei den Medienschaffenden selbst.
sb/kk

Scoopcamp

Die Innovationskonferenz für Medien findet jährlich statt, ausgerichtet von nextMedia.Hamburg und der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Im Fokus stehen Trends und aktuelle Themen an der Schnittstelle zwischen Redaktion, Programmierung und Produktentwicklung. Das diesjährige Scoopcamp wurde von Civey, NOZ Medien und Zeit online sowie Meedia als Medienpartner unterstützt. Der Scoopcamp-Fachtag wurde ermöglicht durch eine Partnerschaft mit der Journalistenvereinigung Netzwerk Recherche e. V. sowie dem dpa-Projekt #UseTheNews und unterstützt von der Schöpflin Stiftung und der Zeit-Stiftung.