Querdenker Michael Braungart: Alles noch mal neu erfinden

Professor an der Leuphana-Universität in Lüneburg und Pionier des Cradle-to-Cradle Konzepts ist überzeugt: Echte Innovation ist nie nachhaltig
22. April 2020
Michael Braungart, Pionier des Cradle-to-Cradle Designkonzepts

Die Auswirkungen der Corona-Krise sind vielfältig. Aktuell sieht es so aus, als würde Deutschland in diesem Jahr sein Klimaziel einhalten können – die Pandemie führt zu sinkenden CO₂-Emissionen. Michael Braungart, Gründer der Environmental Protection Encouragement Agency, beruhigt das allerdings nicht. „Ich fürchte hier einen Pyrrhussieg, denn Umweltschutz wird oft als eine Art Moralthema verstanden. Und nach Corona könnte die Meinung vorherrschen, nun können wir uns Umweltschutz nicht mehr leisten“, befürchtet der Pionier des Cradle-to-Cradle Designkonzepts und Professor an der Leuphana Universität in Lüneburg. 

Nützlich, statt weniger schädlich

Vor allem aber ist Braungart überzeugt, wir schützen die Umwelt nicht, indem wir sie weniger belasten. „Es geht nicht darum, weniger schädlich zu sein, sondern darum nützlich zu sein. Das ist die Idee hinter Cradle-to-Cradle, also von der Wiege zur Wiege: Die Produktentwicklung wird auf den biologischen Kreislauf hin konzipiert.“ Auf diese Weise entstehe kein Abfall, da alle eingesetzten Stoffe in das biologische System zurückfließen und somit nützlich sind. „Wenn uns das gelingt, können wir unseren ökologischen Fußabdruck feiern“, so Braungart.

Alles noch einmal neu erfinden

Bevor gefeiert werden kann, steht jedoch noch einiges an Arbeit an, denn Braungart sagt: „Wir müssen alles noch einmal neu erfinden.“ Alle Produkte, die verschleißen, wie Schuhsolen, Bremsbeläge oder Autoreifen, müssten so gestaltet werden, dass sie die Biosphäre unterstützen. „Allein um einen Autoreifen herzustellen werden 470 verschiedene Chemikalien verwendet. Hier bei uns in der Elbe ist die Hälfte der Polymere inzwischen nicht etwa Mikroplastik, sondern Reifenabrieb.“ Diese Inhaltsstoffe müssten so hergestellt werden, dass sie nicht nur nicht giftig, sondern vielmehr gut für den biologischen Kreislauf seien. 

Produkte als Dienstleistung verstehen

Ein weiterer Cradle-to-Cradle-Ansatz ist die Idee, Produkte, die nicht verbraucht sondern genutzt werden, in Zukunft als Dienstleistung zu verstehen. So werde statt der Waschmaschine selbst, 3000-mal Waschen verkauft, statt des Bürostuhls zehn Jahre gesundes Sitzen oder statt des Teppichbodens, eine Fußbodenverpackungsversicherung, wobei der Teppich gleich noch so hergestellt werden könnte, dass er die Luft reinige – und somit wiederum nützlich ist. Auf diese Weise würden Hersteller, statt jeder Menge billiger und giftiger Kunststoffe, nur eine Handvoll wertvoller Materialien verwenden, die dann nach der Rücknahme des Gerätes praktisch endlos wieder einsetzbar sind. „Inzwischen gibt es über 11.000 Cradle-to-Cradle-Produkte und viele davon sind wirtschaftlich extrem erfolgreich“, betont Braungart. 

Weg zu einer hedonistischen Ökologie

Den Menschen als Chance zu begreifen, nicht als Belastung und ein qualitatives, nicht quantitatives Wachstum voranzutreiben, darum geht es dem Querdenker, der etwa auch betont: „Echte Innovation ist nie nachhaltig. Mit Nachhaltigkeit stabilisieren wir das Bestehende – und das ist absolut tödlich für den Planeten.“ Doch wenn wir lernen, nützlich für die Umwelt zu produzieren und einen effektiv funktionierenden Materialkreislauf zu kreieren, ebne das den Wege zu einer neuen Form der hedonistischen Ökologie.  
ys/kk

Die EPEA GmbH hat sich seit der Gründung 1987 in Hamburg durch Prof. Dr. Michael Braungart zu einem internationalen Innovationspartner für umweltverträgliche Produkte, Prozesse, Gebäude und Stadtquartiere entwickelt. Ziel sei es, das Cradle to Cradle® Designprinzip für die Circular Economy in möglichst vielen Industriebranchen zu etablieren.