Zwischen Wiesen und Feldern: Coworking in der Metropolregion

Viele Remote-Worker zieht es zum Arbeiten aufs Land. Hamburg News stellt außergewöhnliche Coworking-Spaces in der Metropolregion Hamburg vor
23. September 2020
Alsenhof Co-working

 

Vom XXL-Space über einen umgebauten Bauernhof bis zum ländlichen Labor rund um Coworking, Coliving und Cocreation: Es könnte der Beginn eines Kulturwandels sein. Im Zuge des Corona-Lockdowns schickten zahlreiche Unternehmen ihre Mitarbeitenden ins Homeoffice, um das Virus einzudämmen. Immer mehr Firmen wollen nun die individuelle Freiheit und Flexibilität ihrer Angestellten beibehalten. So schaffte beispielsweise die Hamburger Agentur Zum goldenen Hirschen nach vier Monaten Remote-Work die Anwesenheitspflicht im Büro ab. Doch im Homeoffice bleiben häufig die sozialen Kontakte, der Austausch und das Networking auf der Strecke. Eine Alternative sind Coworking-Spaces. Für viele Freelancer und Gründer gehören sie bereits zum Arbeitsalltag, vor allem in der Großstadt. Doch auch auf dem Land bewegt sich in dieser Hinsicht eine ganze Menge, denn Corona hat bei vielen Städtern eine neue Lust auf Natur geweckt. Die Hamburg News stellen fünf besondere Coworking-Spaces aus der Metropolregion Hamburg vor.

Co-working Elmshorn
© Elecbronics GbR
Smart Factory Elmshorn

Großstadtflair im Kreis Pinneberg

Vartan Galsytan und Paul März sind im Kreis Pinneberg aufgewachsen und verfolgen ein gemeinsames Ziel: „Wir wollen die sich bereits im Wandel befindliche Arbeitswelt in der Region mitgestalten.“ Hierfür haben die beiden Jungunternehmer die Smart Factory in Elmshorn ins Leben gerufen – den wohl ersten Coworking-Space im Kreis Pinneberg. Seit Juli 2020 bietet der XXL-Space im Heinrich-Hertz-Gewerbepark auf 1.500 Quadratmetern Platz für bis zu 145 Coworker, aktuell sind es maximal 50 Freelancer und Remote-Worker. Ob Schreibtisch im offenen Großraumbüro, Tischkicker oder gläserner Büroraum, die gebürtigen Elmshorner wollen „kosmopolitisches Flair“ in ihre Region bringen, erzählt Paul.

Zudem spiele die hohe Pendlerquote im Kreis Pinneberg eine wichtige Rolle: „Unser Gedanke ist es, kleinen, mittelständischen und großen Unternehmen aus Hamburg und der Umgebung die Möglichkeit zu bieten, einen Arbeitsplatz in unserem Coworking-Space für ihre Angestellten anzumieten.“ Derweil arbeitet das Gründerduo bereits an ihrer nächsten Idee: ein Podcast-Studio. Demnächst sollen erste Events, Workshops und Impulsvorträge stattfinden.

180 Jahre Rhabarberkate Barsbüttel: Coworking in historischem Ambiente

Im Kreis Stormarn trifft neu auf alt: Die Rhabarberkate Barsbüttel (Baujahr 1840) wurde vom Ehepaar Beate und Klaus Maak aufwendig saniert – und in eine Bürogemeinschaft umgewandelt. Seit 2019 stehen auf dem Dachboden Arbeitsplätze für rund fünf Coworker zur Verfügung. Der ehemalige Stallbereich des historischen Bauernhauses wird als Veranstaltungsraum genutzt, hier finden neben Kundenmeetings vermehrt Firmenworkshops, aber auch Familienfeiern, statt. 

„In der Vergangenheit waren Häuser wie die Rhabarberkate auch immer Orte, in denen der Bauer in einem Bereich wohnte, im anderen arbeitete und zu gegebenen Anlässen auch feierte“, sagt Beate Maak. Mittlerweile seien Orte wie Willinghusen (Ortsteil von Barsbüttel, Anm. der Redaktion) im Großen und Ganzen reine Schlaforte. „Das wollten wir mit der Kate und dem Coworking-Space aufbrechen.“ Die Umnutzung wurde mithilfe von EU-Fördermitteln durch die Aktivregion Sieker-Land-Sachsenwald finanziert. Der Name des Coworking-Spaces geht übrigens auf historische Wurzeln zurück, Willinghusen damals für den Anbau von Rhabarber bekannt.

Coworking, Coliving und Cocreation auf einem Hof

Das Projekt Alsenhof setzt ebenfalls auf historische Gemäuer. In den 1930er-Jahren errichtet, wurde der Alsenhof in Lägerdorf (Kreis Steinburg) bis 1982 als Bauernhof genutzt, danach stand das Wohnhaus mit weitläufigem Garten und großem Stall mit Heuboden lange leer. Im Juni dieses Jahres hat sich die Genossenschaft Alsenhof eG gegründet, die große Pläne mit dem Areal hat. Sie geht der Frage nach: „Wie wollen wir in Zukunft leben, lernen und arbeiten?“ So soll der denkmalgeschützte Alsenhof zu einem „Labor für nachhaltige, innovative und offene Lebens- und Arbeitswelten“ werden.

Dieses basiere auf drei Säulen: Coworking, Coliving und Cocreation, also zusammen arbeiten, leben und kreativ tätig sein, erklärt Mitinitiator Heiko Kolz. Um ein entsprechendes Ökosystem aufzubauen, seien Creative Retreats, Events, Gastronomie, offene (Lern-)Werkstätten und Marktplätze geplant. Zunächst sollen jedoch die ersten 600 (der rund 2.000) Quadratmeter des Coworking-Spaces im Stall hergerichtet werden. Hier treffen Glaserfaser-Internet, Technik und modernes Mobiliar auf ländlichen Charme. Das Vorhaben wird von der Coworkland eG unterstützt.

Alsenhof's stables
© Manuel Dingemann
Alsenhof: Coworking Space im ehemaligen Stall

Platz für Freidenker*innen im Stadtkern Soltaus – MS39

Auch der MS39 Coworking-Space im Heidekreis ist unter dem Dach der Coworkland Genossenschaft entstanden: Ein Netzwerk von und für Menschen, die Coworking-Spaces im ländlichen Raum gründen wollen. Die Initiative wird unter anderem vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft gefördert. Seit mehr als zwei Jahren befindet sich die kleine aber feine Bürogemeinschaft MS39 im Stadtkern von Soltau – mit Blick auf die belebte Marktstraße. 

Gegründet wurde der flexible Arbeitsplatz von Jessica Brockmann, sie begleitet Unternehmen bei der Digitalisierungihrer Geschäftsprozesse. Da sie als Selbstständige zuvor in Coworking-Spaces in aller Welt gearbeitet hat, entschloss sie sich, in ihrer Heimatstadt Soltau nebenberuflich den MS39 ins Leben zu rufen. Ausgestattet mit festen und flexiblen Arbeitsplätzen und einem offenen Meetingraum richtet sich der Office-Space an Freidenker und Macher*innen.

Co-working-space and Tisch café
© Elisa Witt
Coworking-Space und Café Tisch

Für mehr Gründerkultur in Schwerin

Als die freie Kreativschaffende Elisa Witt für eine Weile beruflich in Hamburg arbeitete, gehörte Coworking für sie zum Alltag. Doch zurück in ihrer Heimatstadt Schwerin, suchte Elisa vergeblich nach flexiblen Arbeitsplätzen auf Zeit und einem inspirierenden Business-Netzwerk. Kurzerhand gründete die heute 31-Jährige im Juli 2019 den „Tisch“ – dieser ist Coworking-Space und Café zugleich. Neben Kaffeetischen sind hier vier flexible Schreibtische und ein Stammtisch – mit Business-Lunch, Freelancer-Stammtisch, aber auch Theaterstücken – zu finden.

Mit dem Tisch will Elisa in der Landeshauptstadt „eine Gründerkultur entstehen und wachsen lassen. Einen Ort, der Arbeitsplatz, Veranstaltungsfläche und Netzwerk zugleich ist.“ Von Pop-up-Stores über Entrepreneurship-Kurse bis zum Startup Slam – Ideen hat die Jungunternehmerin viele, doch bislang stellt sie alles allein auf die Beine. Wer Interesse habe, Schwerin ein wenig bunter zu machen, dürfe sich gern melden, fügt Elisa mit einem Augenzwinkern hinzu.

Mit der Initiative Frei.Raum.MV gegen Leerstand

Westmecklenburg scheint in Bewegung zu sein: Immer mehr Kreativschaffende aus den Großstädten bringen innovative Ideen mit, um leerstehenden Gebäuden und Arealen neues Leben einzuhauchen. Unter dem Motto „Leerstand war gestern. Freiräume sind Zukunft“ veranstaltet die Kreative MV – das Landesnetzwerk für Kultur- und Kreativwirtschaft Mecklenburg-Vorpommern ab September vier Kreativlabs in den Landkreisen Nordwestmecklenburg und Ludwigslust-Parchim. Corinna Hesse, Vorstand Kreative MV, erklärt: „Wir stehen in den Startlöchern mit dem Projekt Frei.Raum.MV, im Rahmen dessen wir den Leerstand in Zukunftsorten mit hohem Entwicklungspotenzial gemeinsam mit Kommunen, Kreativwirtschaft und dem Planungsbüro für kooperative Stadtentwicklung, Coopolis GmbH, neu beleben wollen.“
sb/kk