Metropolregion

Nordost-Niedersachsen auf dem Weg zur Cradle-to-Cradle-Modellregion

24. Mai 2022
Entwicklungsprojekt soll regionale Kreislaufwirtschaft vorantreiben – zum Beispiel in der Baubranche und Landwirtschaft

Der Cradle-to-Cradle-Ansatz (C2C) erfordert eine ganz neue Art des Denkens. Es geht nicht um Produkte, die etwa möglichst schadstoffarm produziert werden, sondern um Produkte, die von Anfang an so konzipiert sind, dass sie einen positiven Impact für den Planeten haben. Also etwa Teppiche, die für gesunde Luft in Gebäuden sorgen oder Schuhsohlen und Autoreifen, deren Abrieb nicht aus einem Mix aus Chemikalien besteht, sondern zu 100 Prozent biologisch abbaubar ist – wodurch aus Abfall Nährstoff wird. Das klingt eigentlich zu schön, um wahr zu sein. Entsprechend ruft das Konzept ‚von der Wiege zur Wiege‘ Skepsis hervor. Das weiß auch C2C-Pionier Michael Braungart, Professor für Öko-Design an der Leuphana Universität. „Darum wollen wir mit einem C2C-Lab alle an einen Tisch bringen, um Sorgen und Vorbehalte zu thematisieren und Vertrauen und Zuverlässigkeit aufzubauen. Denn das ist eine wesentliche Voraussetzung, um neue Geschäftsmodelle auszuprobieren.“ Geschäftsmodelle, die von Anfang an als Kreisläufe gedacht werden: Produkte, die für biologische Kreisläufe gedacht sind, werden aus Materialien hergestellt, die biologisch abbaubar sind und somit bedenkenlos in die Umwelt gelangen können. Produkte, die für geschlossene technische Kreisläufe konzipiert sind, werden aus Materialien wie Metall oder verschiedenen Polymeren produziert und werden damit zu ‚technischen Nährstoffen‘. 

 

650.000 Euro Fördermittel für die Modellregion

Ein Masterplan für die zukünftige Entwicklung der Region, der sich am C2C-Konzept ausrichtet, nimmt eine zentrale Rolle in einem Projekt ein, mit dem Nordost-Niedersachsen zu einer Modellregion für das Prinzip der zirkulären Wirtschaft werden will. Anfang November 2021 gestartet, soll mit dem Vorhaben „Neue Strategien und Strukturen für eine Cradle-to-Cradle-Modellregion in Nordost-Niedersachsen“ eine landkreisübergreifende, strategische Regionalentwicklung angestoßen werden. „Die Idee ist 2020 anlässlich einer Ausschreibung des Bundesinnenministeriums entstanden, bei der es um Ansätze zur Verbesserung von Lebens- und Arbeitsbedingungen in der Region ging“, erläutert Dr. Jürgen Glaser, Prokurist der Süderelbe AG. Das Projektkonsortium, bestehend aus zwei Hochschulen (TU Hamburg und Leuphana Lüneburg), einer Wirtschafts- und Regionalentwicklungsgesellschaft (Süderelbe AG) sowie zwei kommunalen Vertretern (den Landkreisen Lüneburg und Lüchow-Dannenberg), setzte sich mit ihrem Ansatz gegen 60 Mitbewerber durch und konnte eine Summe von 650.000 Euro einwerben.

Dr. Jürgen Glaser, Prokurist der Süderelbe AG

Mit neuen Form der Denkens vertraut machen

Mit dem Fördergeld lassen sich eine ganze Reihe unterschiedlicher C2C-Projekte anstoßen und ausprobieren – und dieses Ausprobieren wiederum ist ein wesentlicher Schritt, sich mit dieser neuen Form der Denkens vertraut zu machen. So werde etwa im Klimaschutz vor allem in Nachhaltigkeitskategorien gedacht. Ein Ansatz, den Michael Braungart ablehnt. „Echte Innovation ist nie nachhaltig. Mit Nachhaltigkeit stabilisieren wir das Bestehende. Wir denken an Reduzieren, aber das schützt nicht, sondern schadet nur weniger.“

Braungart nennt die Landwirtschaft als wichtigen Faktor – Schließlich ist der Boden unser wichtigster Kohlenstoffspeicher. „Wir brauchen eine Landwirtschaft, die den Boden aufbaut. Selbst Biolandbau ist wegen des Einsatzes von Kupfer als natürliches Pflanzenschutzmittel problematisch. Zudem wird kein aktiver Schutz der Artenvielfallt betrieben.“ Darum müsse sich selbst der Biolandbau neu aufstellen. „Und wir wollen im C2C-Lab die dazu nötigen Ideen entwickeln.“

Projekt verfolgt einen möglichst breiten Ansatz

„Das C2C-Konzept klingt vielleicht ein Stück weit nach Utopie, doch das ist es nicht“, betont auch Glaser. „Mit unserem Projekt wollen wir anhand verschiedener Best Cases den realen Nutzen für Unternehmen, Initiativen und Kommunen aufzeigen.“ So verfolgen die Projektpartner einen möglichst breiten Ansatz – von der Bauwirtschaft über die Land-, Forst- und Energiewirtschaft bis hin zur Textilwirtschaft – der den Potenzialen der Region gerecht wird. „Öffentliches Bauen etwa hat eine Vorbildfunktion und es gibt erste Beispiele für C2C-Bauen im Rahmen von Kita- und Schulbauten in Lüneburg. In Lüchow-Dannenberg wurde die feuerwehrtechnische Zentrale mit verschiedenen C2C-Elementen entwickelt“, erzählt Glaser. Da es sich um ein anspruchsvolles Thema handle, sei nicht jedes Projekt zu 100 Prozent nach der C2C-Philosophie umsetzbar, doch je mehr Projekte erfolgreich realisiert würden, desto eher könne eine Bewegung zur Stärkung der regionalen Innovationskraft entstehen. Das Projekt soll somit eine Strahlkraft weit über die Region hinaus entfalten.

Universitäre Startup-Unterstützung

„Dazu entwickeln wir einen Masterplan, der auf das Jahr 2035 gerichtet ist und somit weit über die zweijährige Projektdauer hinweg geht, sowie das schon angesprochene C2C-Lab“, erklärt Glaser. Und er betont: „Wir wollen Gründer*innen, Unternehmensvertreter*innen und Investor*innen zusammenführen und damit eine Innovationsplattform schaffen, aber auch das Thema Gründen grundsätzlich im ländlichen Raum nach vorne bringen.“ Erfahrung in der Unterstützung von Gründungswilligen, von Unternehmen und Kommunen bringen die beteiligten Hochschulen TUHH und Leuphana bereits mit. Studierende von Professor Braungart haben beispielsweise während der Pandemie mit der Entwicklung eines biologisch abbaubaren Mund-Nasen-Schutzes, der Viva Mask, den C2C-Ansatz in ein reales Produkt überführt. So ist Braungart denn auch optimistisch, dass sich das zirkuläre Wirtschaften durchsetzen wird. „Die führenden Designschulen lehren bereits das C2C-Konzept und es gibt Chancen und Möglichkeiten ohne Ende, es anzuwenden. 11.000 Produkte beweisen das.“ 400 davon seien im Lüneburger Museum Zukunft zu erleben.
ys/sb

 

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