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Tim Ole Jöhnk, Leiter des Office © WTSH

Aus dem Silicon Valley: Warum der Mittelstand hier gute Karten hat

Seit einem Jahr ist Tim Ole Jöhnk für den Norden in San Francisco. Über seine Learnings und neueste Trends aus dem Valley berichtet er in den Hamburg News

Seit einem Jahr haben Unternehmen und Gründer aus Schleswig-Holstein und Hamburg eine Anlaufstelle im Silicon Valley. Am 28. August 2018 eröffneten beide Länder in San Francisco das Northern Germany Innovation Office Schleswig-Holstein / Hamburg. Ziel ist es, Unternehmen aus dem Silicon Valley und San Francisco mit Akteuren aus Norddeutschland zu vernetzen. Leiter des Office ist Tim Ole Jöhnk.

Hamburg News: Lieber Tim, 1 Jahr Office im Silicon Valley – wie tickt das Valley, was waren die größten Learnings in diesem Jahr?

Tim Ole Jöhnk: Fokus, Fokus, Fokus. Das Valley arbeitet so schnell und an so vielen Dingen, dass es unmöglich ist, alle Bereiche gleichzeitig zu beobachten. Von den 23 Unternehmen, die seit diesem Jahr neu an der NYSE Börse gehandelt werden, stammen allein 11 aus dem Silicon-Valley. Da wird deutlich, wie viel hier los ist! Für uns ist es wichtig, den Fokus zu halten und nach Industrien zu schauen, die für Norddeutschland besonders interessant sind. Also zum Beispiel die Maritime Wirtschaft oder Energiewirtschaft. Dann gilt es, hier vor Ort Firmen (inkl. Startups) zu finden, die in diesen Sektor passen und diese mit Unternehmen in Hamburg, Schleswig-Holstein und Bremen zu verbinden. Daraus entstehen dann Partnerschaften, welche im Umkehrschluss idealerweise zu Investments, gemeinsamer Entwicklung, White Labeling oder auch Ansiedlung führen.

Eine andere Erkenntnis ist, dass alle Startups zwar gerne mit den größten Firmen zusammenarbeiten wollen, Mittelstand aber oftmals eine leichter navigierbare Alternative bietet, die ebenfalls zu einem erfolgreichen Proof of Concept und damit einhergehender Partnerschaft und/oder Investment führt.

Hamburg News: Was ist derzeit das größte Thema im Valley? Worüber spricht die Szene?

Tim Ole Jöhnk: Ich höre immer häufiger die Diskussion um ein garantiertes und bedingungsloses Grundeinkommen. Personen wie etwa Mark Zuckerberg oder Elon Musk reden schon länger davon. Die Logik: Je mehr wir automatisieren, desto mehr Jobs fallen weg. Und somit auch Kaufkraft. Befürworter eines Grundeinkommens schlagen vor Roboter zu besteuern und damit die Kosten einer solchen Leistung zu decken.

Hamburg News: Welche Technologie-Trends werden derzeit im Valley am meisten gehypt?

Tim Ole Jöhnk: Edge Computing. Also die dezentrale Erhebung und Verarbeitung von Daten am „Rande“ des Netzwerks. Anstatt Daten von Sensoren erst an weit weg (zentral) gelegene Datenzentren zu senden, werden Daten oftmals gleich an Ort und Stelle verarbeitet. Das kann entweder direkt am Endgerät oder innerhalb der Fabrik passieren. Der große Vorteil ist, dass man zwar noch in der Cloud ist, aber die einzelnen Geräte nicht ständig mit dem Netzwerk verbunden sein müssen (Ad-Hoc Verbindungen).

Insbesondere gemeinsam mit 5G ergibt sich daraus die Möglichkeit, eine Verknüpfung eindeutig identifizierbarer physischer Objekte (things) mit einer virtuellen Repräsentation in einer Internet-ähnlichen Struktur herzustellen. Latenzzeiten und Übertragungskosten senken sich und dank hoch spezialisierter KI chips werden Endgeräte noch leistungsfähiger. Diese Technologie ist damit eine Schlüsseltechnologie zur Verbreitung von Künstlicher Intelligenz in allen Bereichen.

Hamburg News: Wo konntest du schon erste Brücken bauen zwischen Hamburg und dem Valley?

Tim Ole Jöhnk: Wir waren an der Ansiedlung von Plug and Play in Hamburg beteiligt. Plug and Play ist eines der bekanntesten Accelerator-Programme weltweit und der aktivste Investor im Silicon Valley (gemessen an der Anzahl von Investments). Das Unternehmen verbindet Startups mit Unternehmen in der ganzen Welt und spielt so eine wichtige Rolle beim Skalieren von diesen jungen Firmen. Plug and Play hat nun im Juni sein europäisches Hauptquartier für Logistik und Supply Chain nach Hamburg gelegt.

Dort treffen sich ab Oktober Firmen wie Tchibo, FIEGE oder Panalpina mit Startups um gemeinsam die drängensten Herausforderungen in der Supply Chain und Logistik Branche durch Technologie zu lösen. Saeed Amidi, CEO von Plug and Play, hat darüber hinaus das Ziel ausgegeben, in Hamburg jährlich in 10 Startups zu investieren.

Wir haben außerdem Delegationen von der HSBA Hamburg School of Business Administration bei uns im Büro begrüßt und auf ihren Reisen im Silicon Valley unterstützt, arbeiten gemeinsam mit den Kollegen der Hamburg Invest an spannenden Projekten und unterstützen Hamburger Startups im Silicon Valley durch Kontakte zu Firmen, Investoren und Mentoren.

Hamburg News: Wo siehst du Gemeinsamkeiten vom Valley zu Hamburg, aber auch Trennendes?

Tim Ole Jöhnk: Hamburg ist eine weltoffene und internationale Stadt. Nicht umsonst haben sich hier Firmen aus der ganzen Welt angesiedelt. Diese Charakteristik verbindet uns mit dem Silicon Valley. Gleichzeitig zeichnen sich Hamburg und Norddeutschland durch eine gewisse hanseatische Vorsicht aus und wir warten oftmals lieber erstmal ein wenig ab und beobachten. Dieser etwas langsamere Ansatz ist dann doch ein deutlicher Unterschied zu San Francisco und der gesamten Bay Area. Und natürlich darf man auch nicht vergessen, wie wirtschaftsstark das Silicon Valley ist. Wäre Kalifornien ein eigenständiges Land, dann wäre es auf Platz 5 der wirtschaftsstärksten Länder.

Hamburg News: Wie wird die Hamburger bzw. die norddeutsche Wirtschaft hier wahrgenommen?

Tim Ole Jöhnk: Für gewöhnlich denken das Silicon Valley und die USA nicht in Kategorien wie Norddeutschland, Westdeutschland, Süddeutschland etc. Deutschland ist Flächenmäßig mit Montana vergleichbar und somit aus amerikanischer Sicht recht klein. Es überrascht viele Menschen deshalb, dass Norddeutschland eigenständig im Silicon Valley vertreten ist und es nicht einfach nur eine Vertretung für ganz Deutschland gibt. Dann kommt aber meist die Begeisterung, dass sich die Region hier als Partner anbietet. Das Silicon Valley ist schließlich „all about open innovation and partnership“. Dieser Einsatz wird gesehen und anerkannt und hilft es uns Türen zu öffnen, die ansonsten verschlossen blieben.

Wenn man sich dann noch mit Leuten unterhält, die aus den Bereichen maritime Wirtschaft oder Retail kommen oder sich generell in Europa auskennen, fallen immer Namen wie Tchibo, Montblanc, Beiersdorf oder Olympus. Durch das Vernetzen von Startups mit Hamburger Unternehmen bauen wir auf diese Sichtbarkeit auf.

Hamburg News: Was sind deine Pläne für 2020?

Tim Ole Jöhnk: Ich möchte das Büro vergrößern. Bereits jetzt erreichen uns so viele Anfragen von Unternehmen, Universitäten und Startups, dass ich mir wünschte der Tag hätte mehr als 24 Stunden. Die Arbeit im Silicon Valley ist dabei wie ein Kontaktsport. Je mehr ich mich zeige und anbiete, desto mehr bekomme ich zurück. Unsere Erfolge aus dem ersten Jahr zeigen, dass unser Konzept funktioniert.

Das Interview führte Karolin Köcher

Tim Ole Jöhnk

Tim Ole Jöhnk ist in Kiel aufgewachsen und zur Schule gegangen. Seit 2014 lebt Jöhnk in den USA. In Oregon absolvierte er den MBA (Master Of Business Administration). 2016 zog er ins Silicon Valley. „Neugierde, Risikobereitschaft, Größenwahn, Kollaboration und harte Arbeit“, seien für ihn die typischen Kardinaltugenden, mit denen er die Arbeit im Silicon Valley beschreiben würde, so Jöhnk. Seine Aufgabe ist es, Firmen aus Schleswig-Holstein und Hamburg mit Unternehmen vor Ort zu vernetzen.

Das Innovation Office wurde im August 2018 unter Federführung der WTSH Wirtschaftsförderung und Technologietransfer Schleswig-Holstein GmbH, Hamburg und Bremen, der Landeshauptstadt Kiel und norddeutschen Unternehmen gegründet.

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