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Radverkehrssystem als zunehmend wichtiger Standortfaktor

Hamburg investiert rund 100 Millionen Euro in den Ausbau der Velorouten. Dazu Hamburgs Radverkehrskoordinatorin Kirsten Pfaue im Interview

In Hamburg entsteht ein Veloroutennetz mit einer Länge von 280 Kilometern, das den Alltagsradverkehr zwischen der City, den Stadtteilzentren, Arbeitsplatz- und Ausbildungsschwerpunkten sowie den Wohngebieten der inneren und äußeren Stadt verbinden wird. Bis 2020 soll das Projekt abgeschlossen sein, rund 100 Millionen Euro, finanziert aus Bundesmitteln und Hamburger Haushaltsmitteln, sind dafür veranschlagt. Über das neue Radverkehrssystem sprach Hamburg News mit Kirsten Pfaue, seit 2015 Hamburgs erste Radverkehrskoordinatorin.

Hamburg News: Liebe Frau Pfaue, ihr täglicher Weg in die Behörde für Wirtschaft, Verkehr und Innovation beträgt 13,5 Kilometer – mit was für einem Rad fahren Sie?

Kirsten Pfaue: In die Stadt fahre ich meistens mit dem Pedelec. Zum Einkaufen oder um meine Tochter in die Kita zu bringen, nutze ich gern das Lastenrad und wenn ich eine Teilstrecke mit dem HVV zurücklege, ist es eher das Faltrad. Aber ich besitze auch noch ein ganz ´normales` Rad, etwa für Wochenend-Touren.

Hamburg News: Sie sind also eine leidenschaftliche Radlerin?

Kirsten Pfaue: Für mich steht das Fahrrad für Unabhängigkeit, Freiheit und Lebensfreude. Fahrradfahren erlaubt Begegnungen und Kommunikation – überall auf der Welt. Ich habe mit dem Rad schon verschiedene Länder erkundet, von Skandinavien über Tel Aviv bis zu den Rocky Mountains in Kanada – inklusive einer Begegnung mit einem Schwarzbären.

Hamburg News: Demnach lassen Sie sich nicht so schnell einschüchtern – eine gute Eigenschaft für Hamburgs erste Radverkehrskoordinatorin?

Kirsten Pfaue: Ich begleite seit bald 25 Jahren die Entwicklung des Radverkehrs – vom Nischenthema bis zum herausgehobenem Handlungsfeld des Senats heute. Zunächst ehrenamtlich für den ADFC (Allgemeiner Deutscher Fahrrad Club) und seit 2015 als Radverkehrskoordinatorin. Ich kenne also die vielen verschiedenen Stress- und Spaßfaktoren und das hilft natürlich unsere Ziele voranzutreiben.

Hamburg News: Geplant sind 14 Velorouten mit einer Länge von insgesamt 280 Kilometern, zu denen auch Radschnellwege für Pendler gehören sowie der Ausbau der Bike+Ride-Anlagen…

Kirsten Pfaue: Unser Ziel ist es, dass auch die Menschen aus der Metropolregion mit dem Rad in die Stadt fahren können. Doch Hand aufs Herz, bei der zweitgrößten Stadt Deutschlands ist das nicht wirklich immer machbar. Darum müssen wir die Mobilitätskette zwischen Fahrrad und dem Hamburger Nahverkehr weiter optimieren. Das tun wir, indem wir gute Abstellmöglichkeiten an den U- und S-Bahnhaltestellen schaffen. Bis 2025 wollen wir 28.000 Abstellplätze bereitstellen. Ein weiterer Aspekt ist der Ausbau des StadtRAD-Leihsystems. Ab 2019 sollen auch elektrisch unterstützte Lastenräder zum Angebot gehören.

Hamburg News: Der Einsatz von Lastenrädern wird gerade im Hinblick auf die Optimierung der sogenannten „letzten Meile“ geprüft. Wird speziell dieses Rad-Modell bald häufiger auf Hamburgs Straßen zu sehen sein?

Kirsten Pfaue: Tatsächlich stellt uns die Zunahme des städtischen Wirtschaftsverkehrs vor die Herausforderung, auch die Paketauslieferung effizienter und umweltfreundlicher zu gestalten. Zu den möglichen Lösungsansätzen gehört etwa das Micro-Hub-Konzept: Von dezentralen Paketdepots aus könnte die letzte Meile mit E-Fahrzeugen oder eben Lastenrädern bestritten werden. Hamburg sammelt in diesem Punkt gerade Erfahrungen, die im Projekt „Move“ der Behörde für Umwelt und Energie ausgewertet werden.

Hamburg News: Wenn alle Maßnahmen umgesetzt sind, soll die Gesamtinvestition in Hamburgs Radverkehrssystem rund 100 Millionen Euro umfassen. Ist das viel im Vergleich zu Investitionen in den motorisierten Straßenverkehr?

Kirsten Pfaue: Allein 2017 wurden mehr als 15 Millionen Euro in den Radverkehr investiert, während in das Bauprogramm Stadtstraßen 125 Millionen Euro geflossen sind, die natürlich auch dem Radverkehr zu Gute kommen. Heute wird keine Straße mehr geplant, ohne an Fahrrad- und Fußwege zu denken. Der Nationale Radverkehrsplan des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur empfiehlt 6 bis 15 Euro pro Einwohner an investiven Mitteln für Radverkehrsanlagen. Nimmt man nur die investiven Mittel, die speziell für den Radverkehr eingesetzt werden, landen wir schon pro Kopf in Hamburg bei rund 8,50 Euro. Dazu kommen zusätzlich noch die Mittel der anderen Bauprogramme, von denen der Radverkehr anteilig auch profitiert. Hamburg ist also gut dabei und muss sich nicht verstecken.

Hamburg News: Neben Geld ist aber auch Überzeugungsarbeit nötig, wenn Sie den Radverkehrsanteil bis in die 2020er Jahre auf 25% steigern wollen…

Kirsten Pfaue: Auf jeden Fall. Es ist entscheidend, dass alle relevanten Akteure in der Hamburger Verwaltung an einem Strang ziehen. Das zu erreichen ist der Kern meiner Arbeit. Und das bedeutet, dass ich durch sehr viele Gespräche versuche, all die verschiedenen Blickwinkel einzubeziehen, also die der Stadtplaner, Haushälter oder etwa die der Polizisten vor Ort. Zudem ist der enge Kontakt zu den Hamburger Bürgern entscheidend. Denn durch die neue Aufteilung des Verkehrsraums ändert sich viel und die Infrastrukturmaßnahmen sind zu einem emotionalen Thema geworden. Darum ist auch Öffentlichkeitsarbeit ein wesentlicher Aspekt meiner Aufgaben.

Hamburg News: Wenn alles so klappt, wie Sie sich das vorstellen, was gewinnt Hamburg durch das neue Radverkehrssystem?

Kirsten Pfaue: Einen quirligen, lebendigen Straßenraum, in dem der Radverkehr für Lebensqualität steht – was letztlich auch den Standort stärkt im globalen Wettbewerb um Einwohner und Fachkräfte. Und ein hoher Radverkehrsanteil entlastet die Straßen. Das ist gut für die Wirtschaftsverkehre, die weiter durch die Stadt müssen.

Hamburg News: Liebe Frau Pfaue, vielen Dank für das Gespräch.

Interview: Yvonne Scheller

Weitere Informationen:
www.hamburg.de/radverkehrskoordinator

Kirsten Pfaue

Seit Oktober 2015 ist Kirsten Pfaue Hamburgs erste Radverkehrskoordinatorin. Die gebürtige Hamburgerin ist Juristin und seit 2007 für die Stadt tätig. Zuletzt als Leiterin des Rechtsamtes im Bezirk Wandsbek, davor in Positionen in der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt, dem Bezirksamt Eimsbüttel oder in der Bürgerschaftskanzlei. Von 2010 bis 2014 war die 44-Jährige zudem ehrenamtlich Landesvorsitzende des Allgemeinen Deutschen Fahrrad Clubs (ADFC).

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