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RetroBrain: Wenn Therapie sogar Spaß macht

Immer mehr Einrichtungen arbeiten mit den therapeutischen Videospielen des Hamburger Startups RetroBrain. Auch die Segeberger Kliniken setzen die Spiele ein

Medizintechnik- und Forschung zählen zu den wirtschaftlichen Kernthemen in der Metropolregion. Ein gutes Beispiel ist das Hamburger Startup RetroBrain, das mit therapeutischen Videospielen erfolgreich am Markt ist. RetroBrain hat eine Reihe von Videospielen entwickelt, die von Kliniken und Altenpflege-Einrichtungen in der Region erstmals zur Therapie von Altersdemenz und anderer motorischer Störungen eingesetzt werden. Die unter der Bezeichnung Memore vertriebene Lösung nutzt spezielle Sensoren zur Erkennung der Körperbewegungen des Patienten und nutzt diese zur gezielten Steuerung des Handlungsablaufes auf dem Bildschirm.

Spiel als Teil der Therapie

Der große Flachbild-Monitor zeigt einen Briefträger auf dem Fahrrad. In einigem Abstand vor dem Monitor steht ein älterer Mann, der damit beginnt, mit den Füßen eifrig auf der Stelle zu treten. Das Fahrrad auf dem Bildschirm setzt sich in Bewegung. Je schneller die Tretbewegungen des Mannes, desto schneller geht es voran. Kommt eine Kurve, neigt sich der Mann leicht zur Seite und das Fahrrad folgt weiter der Straße. Taucht links oder rechts ein Briefkasten auf, bewirkt eine schwungvolle seitliche Handbewegung, dass ein Brief eingeworfen wird. „Sie sind Nummer fünf auf unserer Rangliste,“ kommentiert die Therapeutin zum Schluss und der Patient scheint sichtlich zufrieden zu sein. Er hat erste Zeichen von Altersdemenz und das Videospiel ist ein Teil seiner Therapie.

Ein Videospiel mit therapeutischen Ambitionen

Ort der Handlung ist das Neurologische Zentrum der Segeberger Kliniken. Hier werden unter anderem Patienten behandelt, die unter motorischen Störungen leiden. Das kann, wie gesagt, auf Altersdemenz zurückzuführen sein. Aber auch die Folge eines Schlaganfalls oder einer anderen Störung, die sich auf die Fähigkeit auswirkt, Arme und Beine koordiniert zu bewegen. Was hier auf dem Bildschirm läuft, nennt sich Memore und ist eigentlich ein Videospiel. Aber es ist eines, bei dem es nicht in erster Linie um Spaß geht, sondern darum, kognitive Fähigkeiten zu erhalten, den Bewegungsapparat zu trainieren und verloren gegangene motorische Fähigkeiten wieder aufzubauen.

Körperbewegungen steuern das Spiel

Manouchehr Shamsrizi ist Gründer des Hamburger Startups Retrobrain und entwickelt diese Videospiele für therapeutische Anwendungen. Das Besondere an Memore ist, dass der Patient nicht erst umständlich verkabelt werden oder gar eine spezielle Brille aufsetzen muss. Er nimmt ganz einfach in einem bestimmten Abstand vor dem Monitor Stellung und steuert das Spiel mit seinen Körperbewegungen. Der technische Aufbau dafür ist denkbar einfach. Ein gewöhnlicher Flachbild-Monitor wird mit der MemoreBox verbunden und schon kann es losgehen. Die Box enthält eine spezielle Kamerasensorik, mit der die Bewegungen des Patienten erfasst und in den Spielablauf eingebunden werden.

Erfolgreiche Therapie durch Spaß

„Bewegung bringt Spaß,“ meint Shamsrizi und erläutert einen Vorteil von Memore: „Es existieren starke Hinweise, dass Spielspaß über eine vermehrte Ausschüttung von Dopamin im Gehirn einen positiven Einfluss auf die Betroffenen ausübt.“ Dopamin gilt als ein geeignetes Mittel, um einer drohenden Demenz entgegenzuwirken. Das weiß man auch bei den Segeberger Kliniken und setzt Memore unter anderem bei der Demenzprävention als eine ergänzende Therapieform ein.

Auch Seniorenheime und andere Einrichtungen zur Altenpflege zeigen vermehrt Interesse an Memore. Hier steht vor allem der Wunsch im Vordergrund, alte Menschen dabei zu unterstützen, geistig und körperlich fit zu bleiben. Die unterschiedlichen Spielszenarien von Memore werden dabei von vielen Bewohnern weniger als Therapie, sondern eher als Spaß empfunden. Dazu kommt, dass sie auch ohne die unmittelbare Begleitung durch einen Therapeuten gespielt werden können, was eine häufige tägliche Nutzung durch viele Patienten ermöglicht.

Wenn Game-Designer auf Mediziner treffen

RetroBrain entstand ursprünglich als Ausgründung der Berliner Humboldt Universität. Als das Startup jedoch eine Förderung durch das Hamburger Programm InnoRampUp erhielt, zog es in die Hansestadt um. Das Team um Manouchehr Shamsrizi setzt sich aus Betriebswirtschaftlern, Ärzten, Game-Designern und IT-Experten zusammen. Genau die Mischung aus Experten also, um Wissen aus unterschiedlichen Disziplinen miteinander zu verknüpfen und den Spaßfaktor Videogame erstmals auch für völlig neue Anwendungsgebiete zu erschließen.

Die Metropolregion Hamburg mit ihrem Schwerpunkt im Bereich Medizintechnik und medizinische Forschung bot dafür geradezu optimale Voraussetzungen. Es ist daher kein Zufall, dass erste Tests des therapeutischen Videospiels in der innovativen Region hier im Norden stattfanden. Neben dem Hamburger Heilig Geist Hospital zählen auch die Segeberger Kliniken zu den ersten Anwendern, die diese Technik mittlerweile in ihr reguläres therapeutisches Angebot integriert haben.

Technisch gesehen beruht Memore auf der bewährten Microsoft Lösung Kinect. Der verwendete Sensor kann selbst geringe Handbewegungen über eine Entfernung von vier Metern erfassen und sei für vielfältige medizinisch wirksame Maßnahmen einsetzbar. Dazu komme, dass das Gerät patientenbezogene Benutzungs- und Verlaufsdaten erfassen kann, die sich wiederum medizinisch auswerten lassen, um den Therapiefortschritt zu dokumentieren und die Therapie gezielt anzupassen.

Auf dem Weg zu neuen Anwendungen

RetroBrain denkt schon einen Schritt weiter und arbeitet an der Integration seiner Therapielösung in eine Virtual Reality Umgebung. Bisher sieht man aber speziell beim Einsatz mit älteren Menschen noch erhebliche Probleme mit der Usability. „Wir hoffen aber auf den Fortschritt, auch um beispielsweise für bettlägerige Patienten neue Angebote entwickeln zu können,“ so der Hamburger Shamsrizi im Interview.

Die aktuelle Entwicklung konzentriert sich jedoch vor allem auf eine Ausweitung der Therapiemöglichkeiten mithilfe von Memore. RetroBrain arbeitet hier eng mit medizinischen Einrichtungen aus der Region zusammen, die Memore zunehmend auch für die verschiedenen Phasen der Neurorehabilitation und der Schmerztherapie einsetzen. Dazu gehören auch die Segeberger Kliniken.

Behandlung von Parkinson-Patienten

Hier in Bad Segeberg, im Neurologischen Zentrum der Kliniken setzt man die spielerisch wirkende Kombination aus einem großformatigen Flachbild-Monitor und der unscheinbar wirkenden MemoreBox zunehmend auch für die Behandlung von Parkinson-Patienten ein. Die Klinik wurde 2017 von der Deutschen Parkinson Vereinigung aus „Parkinson Spezialklinik“ ausgezeichnet.

Leiter des Neurologischen Zentrums der Segeberger Kliniken ist Prof. Dr. Björn Hauptmann, Forschungspreisträger der Hilde Ulrichs Stiftung für Parkinson-Forschung und Mitbegründer des Vereins Parkinson bewegt. „Mit der MemoreBox haben wir therapeutisch die Möglichkeit, Bewegungen gezielt zu erfassen und zu korrigieren sowie die Patienten zu mehr Bewegung auch außerhalb der Therapiesitzungen zu motivieren. Darüber hinaus erzeugt der Prozess ein gemeinschaftliches Erlebnis mit viel Spaß für die Teilnehmer.“
sw/kk

Weitere Informationen:
www.memore.de
www.segebergerkliniken.de

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