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„Zu viel Geld ist auch nicht gut“

5 Tipps von Xing-Gründer Lars Hinrichs: So meistert man die ersten Jahre

Im letzten Gastbeitrag von Lars Hinrichs für die Hamburg News ging es um die Kunst, sich von Fehlern nicht entmutigen zu lassen und aus ihnen zu lernen. Heute geht es um die wichtige Wachstumsphase bei Gründern und wie sie gelingen kann. Hinrichs: „Die Zeiten, in denen man nur eine Idee und einen Businessplan vorlegt und dafür Geld bekommt, sind vorbei.“

Von Lars Hinrichs
Die Frage ist zunächst, wann beginnt die Wachstumsphase und wann genau benötigt man Anschub- oder Anschlussfinanzierung? Das kommt natürlich darauf an, wieviel Geld man bereits eingesammelt hat für eine Angelrunde, oder ob man sich über Bootstrapping finanziert, also ganz ohne externe Finanzierung ausgekommen ist. Business Angel sind natürlich nützlich, weil sie als privater Investor finanziell unterstützen bzw. sich am Unternehmen beteiligen und gleichzeitig Knowhow sowie ein eigenes Netzwerk an Kontakten in das Startup einbringen. Ein Business Angel steigt typischerweise in der frühen Unternehmensphase ein.

1. Weder zu viel noch zu wenig

Dann sollte man sich auch fragen, von wem besorge ich mir Geld, über einen Accelerator, von privaten Investoren – oder über die typischen drei F‘s: Fools, Friends and Family. Eine häufige Form der Finanzierung. Dabei unterstützen die Familie bzw. Freunde und Bekannte nicht nur finanziell, sondern auch ideell. Man kommt schnell zu Geld, für das niedrige bis gar keine Zinsen fällig werden.

Und dann richtet es sich natürlich danach, wie viel Zeit der Gründer hat. Genau hier werden oft bereits die ersten großen Fehler gemacht, die den weiteren Werdegang des Unternehmens nachhaltig bestimmen: Habe ich zu viel Geld, dann heißt es vielleicht, ich habe zu viele Anteile abgegeben und ich lerne vielleicht nicht, mit Geld umzugehen. Habe ich zu wenig Geld, bin ich, wenn ich skalieren möchte, sofort wieder im Fundraising-Modus, also wieder auf der Suche nach Kapital.

2. Runden genau planen

Das ist natürlich von Produkt zu Produkt unterschiedlich, es gibt da keine goldenen Regeln. Man muss die Firma langfristig planen und sich fragen, was bedeutet die erste, was bedeutet die zweite Runde, brauche ich noch eine dritte Runde – oder sogar eine vierte oder fünfte Runde. Diese Runden sind ja auch Erlebnisphasen, in denen sich die Firma noch einmal nachhaltig verändert.

Es gibt ohne Probleme auch E-Runden und F-Runden. Xing hatte zwei Angel-Runden, eine Finanzierungsrunde, das war B und die nächste Finanzierungsrunde war bereits der Börsengang. Das war extrem schnell und ist auch eher außergewöhnlich. Es hilft natürlich, wenn die Firma selbst schon Geld generiert und nicht nur Geld verbrennt. Wenn zum Beispiel in der Bootstrapping-Phase ein Prototyp entwickelt wird und es geht dann noch um die weitere Anschubfinanzierung, um das Ganze dann wirklich marktfähig zu machen. Wenn es sich um ein Softwareprodukt handelt, geht es relativ schnell, wenn es B2B ist, dauert es länger. Es gibt natürlich nicht die eine Regel für alle Firmen.

3. Nicht mehr als 20 Prozent abgeben

Sehr gut ist, wenn man schon ein Produkt hat und bereits die ersten Zahlen zeigen kann, dadurch ist die Bewertung dann relativ hoch. Wenn man nichts zu zeigen hat, ist die Bewertung in der Regel nicht so groß. Aus meiner Sicht sollte man in der ersten Phase auf jeden Fall Beteiligung abgeben, ob es nun zwischen 10 und 15 Prozent sind, um die ersten Angels erstmal drin zu haben. Wenn die Angels in der allerersten Finanzierungsrunde allerdings bereits über 20 Prozent bekommen, könnte es schwierig werden. Es kommt natürlich darauf an, was sie dafür bieten. Wenn man nur mit einer Idee startet, muss man sicher mehr abgeben, als wenn man, wie gesagt, bereits etwas vorzuweisen hat. Die Zeiten, in denen man nur für eine Idee und einen Businessplan vorlegen muss und dafür Geld bekommt, sind vorbei. So funktioniert das nicht mehr.

4. Am Markt orientieren

Es gibt auch immer wieder Trends am Markt, wie beispielsweise die Welle der Fintech-Gründungen. Inzwischen zieht die Versicherungsbranche mit Startups nach. Ich selbst finanziere auch eines dieser Startups. Jetzt, nach sechs Jahren starten sie richtig durch. Es gibt aber auch unzählige Firmen, die arbeiten jahrelang an einem Produkt, aber niemand kennt es. Man sollte sich am Markt orientieren, sich aber nicht von kurzfristigen Trends leiten lassen.

Bei großen Konferenzen mit Pitches wie jetzt gerade auf der South by Southwest in den USA geht es meist darum, bereits erfolgreiche Software zu launchen und sich Anschlussfinanzierung zu sichern. Gerade dort haben zum Beispiel viele heute erfolgreiche Applikationen das Licht der Welt erblickt.

5. Netzwerke nutzen

Ein Unternehmer, der an seine Idee glaubt, muss auch in der Lage sein, andere Leute davon zu begeistern. Aber es gibt ja gerade auch in Hamburg ausreichend Netzwerke und Hilfe. Selbst für Studierende an den Hochschulen gibt es entsprechende Programme. Mehr Hilfe kann es eigentlich gar nicht geben. Trotzdem: ein Großteil der Firmen scheitert. Bleibt nur zu hoffen, dass die Leute dann wenigstens etwas daraus gelernt haben und sich nicht gleich entmutigen lassen.
lh/kk

Lars Hinrichs und das Haus der Zukunft

Lars Hinrichs ist Gründer und CEO von Cinco Capital, einem Private Equity Fund, der in europäische und amerikanische Firmen im Technologiebereich investiert. 2003 gründete er das Business Netzwerk XING und führte es drei Jahre später als erstes Web-2.0-Unternehmen erfolgreich an die Börse. 2010 gründete er HackFwd, ein Unternehmen, das in die besten europäischen Softwareentwickler investierte. Lars Hinrichs ist Young Global Leader (YGL) beim World Economic Forum und Mitglied der Young Presidents’ Organization (YPO). Seit 2013 ist er ein Mitglied im Aufsichtsrat der Deutschen Telekom AG.

Sein neuestes Projekt ist das Apartimentum in Hamburg. Eine Gründerzeitvilla, die er zu einem Smart Home ausbaut. Die ersten Wohneinheiten in „Deutschlands intelligentestem Haus“ sind im März fertig geworden. Auch die ersten Events im Apartimentum haben im Februar begonnen.

Weitere Informationen: www.apartimentum.com

Hintergrund: Bootstrapping

Als Bootstrapping bezeichnet eine Finanzierungsart der Unternehmensgründung, die gänzlich ohne externe Finanzierung funktioniert. Der Begriff Bootstrapping leitet sich von dem englischen Wort „Bootstrap“ ab und bedeutet so viel wie Stiefelriemen. Angelehnt an die Baron-Münchhausen-Geschichte, bei der dieser sich selbst an seinen Haaren aus einem Sumpf zieht, beschreibt auch Bootstrapping einen Prozess, bei dem Gründer auf externe Hilfe verzichten und eigenständig finanziert ein Unternehmen aufbauen.
(Quelle: Günderszene)

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