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Egbert Rühl, Geschäftsführer der Hamburg Kreativ Gesellschaft - © Selim Sudheimer

So nutzen Unternehmen die Innovationskraft der Kreativen

Die Digitalisierung schafft neue Märkte für die Kreativwirtschaft. Interview mit dem Geschäftsführer der Hamburg Kreativ Gesellschaft, Egbert Rühl

Ob Medien, Werbung, Design oder Games – Hamburg gilt als wichtiger Standort für kreative Wirtschaftszweige. Die kreativen Branchen sind auf Wachstumskurs. Sowohl die Umsätze als auch die Anzahl der Erwerbstätigen sind in den letzten Jahren gestiegen. Mit rund 11 Milliarden Euro Umsatz trägt die Kreativwirtschaft 2,6 Prozent zur gesamten Hamburger Wirtschaftsleistung bei (Kreatiwirtschaftsbericht 2016). Etwa 87.000 Hamburgerinnen und Hamburger sind in kreativen Berufen tätig. Die Hamburg Kreativ Gesellschaft ist ein Unternehmen der Stadt Hamburg, das Kreativschaffende fördert. Im Interview mit den Hamburg News spricht Geschäftsführer Egbert Rühl über die Zukunftsfähigkeit der Branche und neue, interdisziplinäre Projekte.

Hamburg News: Herr Rühl, was genau ist unter der Kreativwirtschaft zu verstehen?

Rühl: Unter der Kreativwirtschaft werden allgemein elf Teilmärkte zusammengefasst. Dabei handelt es sich um die Sparten Architektur, Bildende Kunst, Design, Film, Literatur, Musik, Presse, Rundfunk, Software/Games, Theater/Tanz und Werbung. So vielfältig diese Aufzählung klingen mag, allen Teilmärkten gemein ist eine besondere schöpferische Leistung. Kreative entwickeln neue Güter und Inhalte und arbeiten dabei in beweglichen, fluiden Strukturen. Das macht die Branche so anpassungsfähig. Gleichzeitig sind Kreative oftmals wirtschaftlich angreifbar und werden in politischen Aushandlungsprozessen kaum berücksichtigt.

Hamburg News: Wie sieht das Angebot aus, mit dem Sie Kreativschaffende unterstützen?

Rühl: Wir bieten gezielte Coachings und Beratungen, Vermittlungsleistungen im Immobilienbereich, Unterstützung beim Finden einer geeigneten Finanzierung und schaffen Möglichkeiten zur Vernetzung. Aktuell läuft zum Beispiel der Music WorX Accelerator mit innovativen Startups aus der Musikwirtschaft. Drei Monate unterstützen wir die Teilnehmer mit Workshops, Räumlichkeiten, finanziellen Mitteln und nützlichen Branchenkontakten. Hinzu kommen eine ganze Reihe neuer Veranstaltungsformate, mit denen wir nun auch die branchenübergreifende Zusammenarbeit der Kreativwirtschaft mit anderen Akteuren, z.B. aus der Luftfahrt, der Gesundheits- und Finanzwirtschaft, fördern. Neu im Programm sind zum Beispiel Jobshadowings, Barcamps, Lectures, Hackathons und World Cafés, bei denen der interdisziplinäre Austausch im Vordergrund steht.

Hamburg News: Wie kam es zu dieser strategischen Neuentwicklung?

Rühl: Die Erweiterung unseres Angebotes hängt stark mit den Veränderungen zusammen, die wir im Zuge des digitalen Wandels und der zunehmenden Komplexität der Märkte beobachten. In Zeiten rasanter Umbrüche gewinnt die Kreativwirtschaft mit ihrem besonderen Innovationspotenzial an Boden. Andere Branchen können dieses Potenzial gewinnbringend für sich nutzen. Wir laden Vertreter verschiedener Branchen – vom Startup-Gründer bis zum Geschäftsführer eines Großbetriebs – zu unseren Formaten ein. Für Kreative können sich auf diese Weise ganz neue Märkte und Anwendungsbereiche ergeben. Wir verstehen uns immer stärker als Übersetzer und Puffer zwischen den Branchen, sozusagen als Brückenbauer, der die verschiedenen Akteure zusammenbringt.

Hamburg News: Sie sagen, die Kreativwirtschaft gewinnt im Zuge der Digitalisierung an Boden. Aber sind es nicht gerade auch kreative Teilmärkte, die von der Transformation schwer getroffen werden?

Rühl: Tatsächlich haben wir in den vergangenen Jahren zum Beispiel im Musikgeschäft oder auf dem Pressemarkt heftige Einbrüche erlebt. Das allseits verfügbare, kostenlose Online-Angebot hat die Branchen brutal getroffen. Aber wir sehen auch, dass sich die Märkte neu erfinden und Strategien entwickeln, um im digitalen Zeitalter überlebensfähig zu bleiben. Das spricht für eine besondere Innovationskraft. Zudem haben viele branchenübergreifende Neuerungen ihren Ursprung in der Kreativwirtschaft. Denken wir nur an Trends wie Kollaboration oder Gamification. Auch Kreative Innovations-Methoden wie das Design Thinking finden in zahlreichen Branchen Anwendung.

Hamburg News: Und wie steht es um technologische Fortschritte im Bereich Künstlicher Intelligenz? Wächst da eine Konkurrenz für die Kreativen?

Rühl: Ich bin davon überzeugt, dass technologische Neuerungen, wie Künstliche Intelligenz, niemals an das ureigene schöpferische Potenzial menschlicher Kreativität herankommen werden. Obgleich Algorithmen mittlerweile Musikstücke komponieren können – dass Künstliche Intelligenz Punk oder HipHop erfunden hätte, wage ich zu bezweifeln.

Hamburg News: Woher rührt Ihre Leidenschaft für die Kreativwirtschaft?

Rühl: Ich habe selbst in vielen kreativen Bereichen gearbeitet, zum Beispiel in der Filmindustrie. Es ist Wahnsinn, wenn für eine Spielfilmproduktion 50 bis 70 Leute sechs bis zwölf Wochen intensiv zusammenarbeiten – fast wie in einem Wanderzirkus. Die Art und Weise der Arbeit in kreativen Bereichen ist einzigartig. Es gibt keine Routinen und die Inhalte sind immer wieder neu. Viele kreative Schöpfungen sind extrem vergänglich. Sie existieren nur in der Gegenwart. Gleichzeitig sind sie genau das, was uns Menschen ausmacht.
ca/kk

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Rühl!

Weitere Informationen:
kreativgesellschaft.org

Über die Hamburg Kreativ Gesellschaft

Die Hamburg Kreativ Gesellschaft ist eine Einrichtung der Stadt Hamburg zur Förderung der Hamburger Kreativwirtschaft. Seit ihrer Gründung im Jahr 2010 versteht sich die Hamburg Kreativ Gesellschaft als zentrale Anlaufstelle für alle Akteurinnen und Akteure der Hamburger Kreativwirtschaft. Weitere Informationen unter kreativgesellschaft.org

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