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HAW Hamburg meets Google - © Ina Nachtweh HAW Hamburg

HAW Hamburg meets Google

Wie Wissenstransfer zwischen Wissenschaft und Wirtschaft aussehen kann, zeigt HAW-Professorin Annette Corves in einem ungewöhnlichen Experiment

Nur drei Kilometer liegen zwischen dem Department Wirtschaft der HAW Hamburg und dem Suchmaschinenkonzern Google. Eigentlich keine Entfernung, und doch liegen Welten zwischen der Wissenschaftseinrichtung und dem Wirtschaftsunternehmen. Dabei ist die Entwicklung neuer Produkte, Verfahren oder Dienstleistung nur auf Basis von fundiertem Wissen und Erkenntnissen möglich. Wissenstransfer ist somit eine wesentliche Voraussetzung für wirtschaftlichen Erfolg. „Um im disruptiven Wandel eine Spitzenposition einzunehmen, müssen Unternehmen und Hochschulen in Deutschland – und damit in Hamburg – ihr Wissen noch besser bündeln“, ist Annette Corves überzeugt und hat gehandelt.

Tausche Hörsaal gegen Büro bei Google

Die Professorin für International Business an der HAW Hamburg hat ein Praxissemester lang den Hörsaal gegen eine Managementposition bei Google getauscht, um Wege für einen solchen Brückenschlag auszuloten. „Ich wollte unmittelbar am Puls der digitalen Zukunft in einer anderen Innovationskultur und in agilen, digitalen Projektstrukturen arbeiten, um meine Studenten für die zukünftige Berufswelt besser vorbereiten zu können und selbst neue Anknüpfungspunkte für meine Forschung zu finden“, erklärt die 51-Jährige, die dabei von ihren Kollegen und dem Präsidium der HAW Hamburg maßgeblich unterstützt wurde.

Trennendes: Sprache und Tempo

An der HAW Hamburg lehrt Corves Marketing und Strategie im Department Wirtschaft mit Schwerpunktthemen wie Digitale Transformation von Geschäftsmodellen sowie Bedeutung von Markenvertrauen & Reziprozität im digitalen Kontext. „Digitale Geschichten funktionieren vielfach durch digitale Reziprozität, also digitaler Gabe und Gegengabe von Daten und Informationen.“ Als Corves jedoch in ihrer neuen Umgebung über ihren Forschungsgegenstand sprach, stellte sie schnell fest, der Zungenbrecher stieß auf Unverständnis. „Die Unterschiede zwischen Wirtschaft und Wissenschaft beginnen schon bei der Sprache. Wenn ich aber statt Reziprozität von ´Geben und Nehmen` oder einer ´Win-Win-Situation` sprach, hatten wir eine klare Sprachebene.“

Voneinander lernen

Das Tempo und die Erkenntnistiefe waren ein weitere Unterschiede, stellte Corves fest. „In der Wissenschaft haben wir die Verpflichtung, Themen detailliert zu durchdringen. Das ist im Tagesgeschäft in der Wirtschaft kaum möglich.“ Hier komme es darauf an, benötigtes Wissen möglichst schnell und passgenau zu erhalten und anzuwenden. Wissenschaftler könnten der Wirtschaft dabei entgegenkommen, indem sie in Abstracts (Zusammenfassungen wissenschaftlicher Veröffentlichungen) vermehrt praxisnahe Keywords verwenden, um so eine schnelle Auffindbarkeit des Textes zu gewährleisten und die Bedeutung der wissenschaftlichen Erkenntnisse für die Praxis zu verdeutlichen. Und in diesem Punkt könnten Wissenschaftler durchaus von Google lernen, so Corves. „Google ist ein Meister darin, Erkenntnisse einfach und auf den Punkt gebracht darzustellen.“

Verbindendes: Schnittstellen ausbauen

Wissenschaftler wiederum sind Meister darin, neue Erkenntnisse zu gewinnen. Die Forschung strebt danach, einen grundsätzlichen Überblick über ein Forschungsgebiet zu erhalten und es klar strukturiert aufzubereiten. „Dank dieser ganzheitlichen Beleuchtung kommen wir zu wertvollen Erkenntnissen, und diese Erkenntnisse der Wirtschaft zur Verfügung zu stellen, hilft beiden Seiten – reziprok.“

Wie könnte dies nun am besten geschehen? Indem bestehende Schnittstellen ausgebaut werden, rät die Fachfrau. Dazu gehören etwa Praktika, Praxissemester, Gastdozenten, Stiftungsprofessuren oder die Förderung von Bachelor-, Master- und Dissertationsarbeiten. „Das ist allerdings eine zeitintensive Aufgabe und damit ein Bereich, aus dem sich die Wirtschaft eher wieder zurückzieht“, beobachtet Corves.

Praxis und Theorie zusammenbringen

Dabei sollte gerade dieses Engagement ausgeweitet werden, denn hier ergibt sich ein Wissenstransfer aus den Hochschulen in die Unternehmen, die ihrerseits den Praxisbezug beisteuern können. „Weiter ausgebaut werden sollten auch Gastvorträge, Kooperationen mit Praktikern sowie gemeinsame Forschungsprojekte“, so Corves, die eine entsprechende Bereitschaft dazu durchaus auf beiden Seiten beobachtet. „Viele Top-Manager schätzen es, ihr Wissen und ihre wertvolle Erfahrung zu teilen. Die Studierenden wiederum lieben es, ihr erlerntes Wissen in der Praxis anzuwenden – da treffen sich beide Welten.“

'Thought Leadership’ vorantreiben

Von der Annäherung beider Welten hat Corves eine klare Vorstellung. „Es geht darum, einerseits weitere Zugangs-Möglichkeiten zur Praxiserfahrung für Studierende und Lehrende zu schaffen. Und zum anderen transferorientierte Projekte zu entwickeln, die es Unternehmen erlauben, den* Wissens-Hub der Hochschulen* anzuzapfen und gemeinsam neue Ideen zu finden.“ Zur Umsetzung dieser Ziele setzt die Professorin vor allem auf persönliche Kontakte, die zudem bestens geeignet sind, um immer noch grassierende Vorurteile von der Forschung im ´Elfenbeinturm` abzubauen.

„Ich war bei Google ein unkonventioneller und unabhängiger Sparringspartner in komplexen Fragestellungen, der externes Wissen und neue strategische Perspektiven einbringt oder auch innovative Vorschläge zur Methodik oder Analytik von Marktforschung macht. Google nennt das ´Thought Leadership`.“ Keine Spur also vom praxisfernen Elfenbeinturm.

Wissenstransfer in beide Richtungen

Zurück an der Hochschule zieht Corves ein positives Fazit. „Nach diesen acht Monaten als Interims Managerin bei Google bin ich noch stärker in der Praxis vernetzt. Dadurch ergeben sich bereits jetzt weitere spannende Gelegenheiten zu Kooperationen zwischen Wirtschaft und Wissenschaft. Auch meine Vorlesung habe ich mit vielen Beispielen überarbeitet.“ Damit sich der Transfer in die Lehre fortsetzt, hat Corves sich mit einem ganz konkreten Wunsch von Google verabschiedet. Sie hofft auf einen Knowhow-Transfer aus dem Unternehmen in die HAW Hamburg, um die Digital Skills ihrer Studierenden auszubauen. Ein erster Schritt dazu ist bereits getan: „Noch im November hatte Google meine Erst- und Dritt-Semester-Studierenden zum Unternehmensbesuch eingeladen.“
ys/kk

Quelle und weitere Informationen unter:
www.haw-hamburg.de
www.google.de

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