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Jetzt bricht das VR-Zeitalter an - © Professor Frank Steinicke

Future Hamburg: Jetzt bricht das VR-Zeitalter an

Die Zukunft ist sein Beruf. Professor Dr. Frank Steinicke von der Uni Hamburg im Interview mit den Hamburg News. VR ist auch Thema auf der Social Media Week

Bei der Social Media Week Hamburg, die am Montag gestartet ist, kann Professor Frank Steinicke nicht dabei sein. Der Leiter des Forschungsbereichs Human-Computer-Interaction der Universität Hamburg forscht aktuell am Human Interface Technology Lab in Christchurch, Neuseeland. Für Hamburg News nahm er sich dennoch Zeit und spricht über die Faszination, die technischen Voraussetzungen und vielfältigen Einsatzmöglichkeiten von virtueller Realität.

Hamburg News: Professor Steinicke, worin liegt Ihrer Meinung nach die Faszination von virtueller Realität?

Professor Frank Steinicke: Die virtuelle Realität ermöglicht es Menschen, in eine vollständig computer-generierte Welt mit allen Sinnen einzutauchen. Die Faszination liegt darin, dass Menschen dabei mitunter vollständig vergessen, dass es sich nur um eine virtuelle Welt handelt.

Hamburg News: Diese Faszination haben wir in den 1990er Jahren schon einmal gesehen. Damals schien der Durchbruch der Technologie in greifbarer Nähe – doch es kam nicht dazu…

Professor Frank Steinicke: Damals gab es erstmals kommerzielle VR-Hardware zu kaufen oder ließ sich beispielsweise in Spielhallen ausprobieren. Die Euphorie und die Visionen, was diese Technik alles ermöglichen könnte, waren enorm. Allerdings stellte sich schnell heraus, dass die Technik damals noch nicht weit genug war. Beispielsweise war die Qualität der dargestellten virtuellen Umgebungen sehr schlecht und sehr eingeschränkt. Auch war die Hardware viel zu teuer und umständlich zu bedienen. Es hat sich herausgestellt, dass virtuelle Realität nicht die Art und Weise war, wie wir Menschen um die Jahrtausendwende mit dem Computer interagiert haben. Die Revolution kam damals vielmehr in Form von Smartphones.

Hamburg News: Nun aber ist die Zeit reif, sind Sie überzeugt – warum jetzt?

Professor Frank Steinicke: Weil die Technik nun endlich eine Qualität erreicht hat, die für viele Bereiche deutlich macht, wo das Potenzial liegt und sich auch tatsächlich genau dort einsetzen lässt. Es wird noch ein bis zwei Geräte-Generationen dauern, bis die Technologie wirklich gut genug für alle Bereiche sein wird, aber sie wird nicht mehr aus unserem Leben verschwinden. Ironischerweise verdanken wir die rasanten Entwicklungen in diesem Bereich insbesondere Verbesserungen der Smartphones, denn schließlich basieren alle relevanten Komponenten auf genau diesen.

Hamburg News: Ist VR einer breiten Öffentlichkeit überhaupt bekannt? Was schätzen Sie, wie viele Menschen sind bereits in virtuelle Welten eingetaucht?

Professor Frank Steinicke: Das ist schwer zu sagen. In meinen Vorträgen frage ich häufig das Publikum, wie viele den Begriff virtuelle Realität oder Augmented Reality schon gehört haben und wie viele bereits solche Brillen getestet haben. Gehört haben mittlerweile alle davon, probiert haben es zirka ein Drittel der Zuhörer. Allerdings muss man sagen, dass meine Zuhörerschaft in der Regel natürlich ein besonderes Interesse an dem Thema hat.

Hamburg News: Aktuell setzt vor allem die Games-Branche auf VR. Wo sehen Sie weitere Einsatz-Möglichkeiten?

Professor Frank Steinicke: Neben der Spielbranche werden alle Bereiche profitieren, die inhärent mit dreidimensionalen Daten zu tun haben. Da wir in einer dreidimensionalen Welt leben, betrifft das nahezu alle Branchen. Konkret werden wir den erfolgreichen Einsatz dieser Technologie zuerst insbesondere in den Bereichen Immobilien, Architektur, 3D-Planung und -Simulation sehen. Beziehungsweise wir tun dies bereits in Ansätzen.
Wichtig werden aber auch soziale VR-Umgebungen, bei denen wir im virtuellen Raum über weite Entfernungen so miteinander kommunizieren können, als wären wir im gleichen Raum. Nicht umsonst hat Facebook mit dem Aufkauf von Oculus (US-Hardware- und Technologieführer im Bereich Virtual Reality, Anmerkung der Redaktion), für über zwei Milliarden Dollar das größte Investment in der Geschichte der VR getätigt. Mark Zuckerberg ist davon überzeugt, dass VR das Medium darstellt, welches die Art und Weise revolutionieren wird, wie wir in der Zukunft miteinander kommunizieren werden.

Hamburg News: Demnach dürfte VR auch besonders die Medien- und Digitalbranche verändern?

Professor Frank Steinicke: Davon ist auszugehen. VR und AR bieten einfach enorme Möglichkeiten, mediale Inhalte auf immersivere Art und Weise direkt in unser Sichtfeld zu transportieren. Wir werden sicherlich in einigen Jahren lächelnd auf die Zeit zurückblicken, in der wir mit gesenktem Kopf durch die Straßen gelaufen sind, um auf unsere Smartphones zu schauen…

Hamburg News: Gibt es Beispiele für vielversprechende VR-Projekte in Hamburg?

Professor Frank Steinicke: Hamburg hat einige interessante Projekte aus den verschiedensten Bereichen, von der Forschung bis zur Industrie. Das geht von einfachen und spannenden VR-Spielen über Sporttraining mit Hilfe von AR-Brillen bis hin zur VR-Architekturvisualisierung oder interaktiven 360°-Video-Produktionen. Da ist schon sehr vieles Spannendes und Wettbewerbsfähiges dabei. Das zeigen nicht zuletzt die Auszeichnungen auf der Augmented World Expo Europe 2016 oder der Cebit 2017 für das Puttview System des Hamburg Startups Viewlicity GmbH.

Die Stadt Hamburg hat gerade erst bekanntgegeben, dass diese innovativen Technologie und die damit verbunden Chancen für Hamburg enorm wichtig sind und zukünftig weiter gestärkt werden sollen. Des Weiteren soll Hamburg als Informatikstandort auch generell deutlich ausgebaut werden. Ein absolutes Muss, um die digitale Transformation in Hamburg erfolgreich gestalten zu können und auch zukünftig wettbewerbsfähig zu sein.

Hamburg News: Wie steht es mit der wirtschaftlichen Bedeutung, lässt sich mit VR Geld verdienen?

Professor Frank Steinicke: Ja, das passiert schon seit vielen Jahren im High-End-Sektor, beispielsweise im Bereich Gas und Öl sowie in der Flugzeug- oder Automobilindustrie. Durch die deutliche Senkung der Hardware-Kosten haben nun aber auch viele weitere Bereiche deutlich mehr Möglichkeiten diese Technologie einzusetzen und wir werden viele neue Anwendungsbereiche in den nächsten fünf Jahren sehen.

Hamburg News: Was kommt als nächstes? – VR und andere Technologien einmal weitergedacht…

Professor Frank Steinicke: Verschiedenste Technologien aus dem sogenannten Mixed Reality Kontinuum stehen bereits vor der Tür. Am bekanntesten ist hier sicherlich die bereits angesprochene Augmented Reality. Allerdings hängt die Technologie noch etwas hinterher. Spannend wird dann die Frage, wie sich Technologien wie Internet of Things, künstliche Intelligenz und VR oder AR kombinieren und in verschiedenen Anwendungen und Systemen integrieren lassen.

Hamburg News: Welche Projekte nehmen Sie als Professor für Human-Computer Interaction der Universität Hamburg als nächstes in Angriff?

Professor Frank Steinicke: Wir arbeiten insbesondere an der Schnittstelle zwischen Mensch und Computer. Dazu ist es beispielweise wichtig zu verstehen, wie wir als Menschen solche virtuellen Welten wahrnehmen oder wie wir auf natürliche Art und Weise mit den dargestellten Daten interagieren können. Und zwar nicht mehr mit Maus und Tastatur, sondern beispielsweise über Gesten, Blicke oder Sprache. Aktuell wollen wir beispielsweise untersuchen, welche Auswirkungen Langzeit-Nutzungen von immersiven Technologien auf unser Gehirn haben könnten.
ys/kk

Das Interview führte Yvonne Scheller

Weitere Informationen:
www.inf.uni-hamburg.de

Professor Frank Steinicke

Seit April 2014 ist Frank Steinicke, 39, Professor für Human-Computer Interaction an der Fakultät für Informatik der Universität Hamburg. Er widmet sich der Erforschung der menschlichen Wahrnehmungsfähigkeit mit ihren kognitiven und motorischen Grenzen, um die Interaktion sowie das Erlebnis in computervermittelten Realitäten zu reformieren. Professor Steinicke ist ein gefragter Diskussionsteilnehmer und Redner bei nationalen und internationalen Großveranstaltungen im Bereich VR und der Mensch-Computer-Interaktion sowie Programmleiter für die „IEEE Virtual Reality“ 2017/2018, der wohl bekanntesten wissenschaftlichen Konferenz im Bereich von VR und AR. Der VR-Experte forscht aktuell am Human Interface Technology Lab in Christchurch, Neuseeland, zu den Themen VR und Mixed Reality.

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