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KI übertrifft menschliche Intelligenz - © Jutta Spohrer

Experte: Drei große Einsatzbereiche für Künstliche Intelligenz

In vielen Bereichen hat KI die menschliche Intelligenz bereits überrtoffen, meint KI-Experte Professor Bernd Neumann im Gespräch mit den Hamburg News

Aufzuhalten sei der technische Fortschritt nicht, aber er sei sehr wohl steuerbar – davon ist Professor Bernd Neumann überzeugt. Was Künstliche Intelligenz genau ist und welche Chancen und Risiken sie birgt, erläutert der Vorsitzende des HITeC – Hamburger Informatik Technologie-Center e.V. an der Universität Hamburg im Gespräch mit den Hamburg News.

Hamburg News: Professor Neumann, wann ist ein Computerprogramm intelligent?

Neumann: Von KI sprechen wir, wenn ein Programm Leistungen vollbringt, die beim Menschen Intelligenz erfordern. Dieser Moment ist allerdings nicht eindeutig zu bestimmen, sondern wir haben es mit einem fließenden Übergang zu tun. Bei der Bestimmung greifen wir noch immer auf den inzwischen modernisierten Turing-Test zurück. (Ein 1950 vom britischen Mathematiker, Kryptoanalytiker und Informatiker Alan Turing entwickelter Test, um festzustellen, ob eine Maschine ein dem Menschen gleichwertiges Denkvermögen hat. Anmerkung der Redaktion). Eine Herausforderung, die KI bislang noch nicht gemeistert hat, ist Humor. Denn Humorverständnis erfordert nicht nur reines Wissen, sondern auch einen kulturellen Hintergrund. Tatsache ist, KI ist kein Wunder-Elexir, sondern die konsequente Anwendung automatisierter Technologien.

Hamburg News: Wo werden wir solch konsequente Anwendungen in Zukunft vor allem sehen?

Neumann: Ich sehe da vor allem drei bedeutende Einsatzfelder: Big Data in Smart Data umzuwandeln, indem aus einer großen Datenmenge ´wertvolle` Informationen extrahiert werden. Dann den Bereich autonome Systeme, also Maschinen, die komplexe Handlungen übernehmen und schließlich den Bereich Virtualität. Damit sind Simulationen gemeint, die komplexe technische Aktionen auf dem Rechner durchspielen. Mit konkreten Projekten aus diesen Bereichen beschäftigen wir uns im HITeC, dem Forschungs- und Technologietransferzentrum des Fachbereichs Informatik an der Universität Hamburg.

Hamburg News: Sie sind Vorsitzender des HITeC – können Sie ein paar Projektbeispiele nennen?

Neumann: Wir haben zum Beispiel in Kooperation mit der Hamburger Finanzbehörde das 2012 in Kraft getretene Hamburger Transparenzgesetz umgesetzt und in diesem Zusammenhang auch ein Projekt zur Auswertung von Verkehrsdaten mit KI-Methoden vorbereitet. Zudem beschäftigen wir uns mit dem Monitoring von Verkehrsszenen. Dabei lernt die KI-Anwendung als erstes die Verkehrsteilnehmer – Menschen, Autos oder Zweiräder – voneinander zu unterscheiden. Der nächste Schritt ist die Interpretation, um beispielsweise potenzielle Gefahren im Straßenverkehr zu identifizieren. So etwas haben wir auch schon in Kooperation mit dem Flughafen Toulouse unternommen. Da lautete die Aufgabenstellung Beobachtung und Deutung des Vorfeld-Geschehens.

Im HITeC arbeiten wir an einer ganzen Reihe unterschiedlicher Projekte in Kooperation von Wissenschaft und Wirtschaft, die zum Teil durch die Europäische Union, dem Bundesministerium für Bildung und Forschung sowie dem Bundesministerium für Wirtschaft und Energie oder durch die Innovationstiftung Hamburg gefördert werden.

Hamburg News: Wo stehen wir heute – wird KI die menschliche Intelligenz bald übertreffen?

Neumann: In manchen Bereichen hat sie das längst getan, denken Sie an Watson von IBM oder die Fortschritte im autonomen Fahren. Und in vielen weiteren Bereichen ist diese Entwicklung unausweichlich. Eine Tatsache, die vielen Menschen Kopfzerbrechen bereitet. Der britische Physiker und Astrophysiker Stephen Hawking etwa sieht in künstlicher Intelligenz eine Bedrohung für die Menschheit.

“Ein Roboter muss die Menschheit bewahren”

Hamburg News: Und was denken Sie?

Neumann: Ich persönlich denke, KI ist in der Lage unser Wohlbefinden zu verbessern, und kann maßgeblich dazu beitragen, Probleme wie Kriege, Armut oder Umweltverschmutzung zu reduzieren. Und ich bin überzeugt, KI-Geschöpfe sind grundsätzlich kontrollierbar – wenn wir es nur wollen. Sowohl heutige als auch frühere kluge Köpfe haben sich mit dieser Problematik beschäftigt und entsprechende Ängste heftig diskutiert. Der Science Fiction-Autor, Biochemiker und Visionär Isaac Asimov hat schon Anfang der 40er Jahre Gesetze der Robotik verfasst von denen das wichtigste lautet: Ein Roboter muss die Menschheit bewahren. Ein Grundsatz, der angesichts dieser komplexen Technologie selbstverständlich auch heute gilt: Die Steuerung von KI muss die Werte der Menschen berücksichtigen.

Hamburg News: Der ´Wert` von Menschen in Arbeitsprozessen ist allerdings bedroht. Verdrängt KI uns vom Arbeitsmarkt?

Neumann: Davon ist auszugehen. Allerdings denke ich, in vielen Bereichen ist das auch gut so. KI kann Ergebnisse mit weitaus größerer Geschwindigkeit und Genauigkeit liefern, als Menschen dies können. Ein Beispiel ist die Diagnostik von seltenen Krankheitskonstellationen in der Medizin. KI ist also weitaus effektiver, und unsere Wirtschaft ist darauf ausgerichtet, vielversprechende Technologien zu nutzen, sobald sich ihre Effektivität erwiesen hat. Die Herausforderung liegt nun darin, diese Entwicklung langfristig zu planen und zu steuern, um zu vermeiden, dass Menschen arbeitslos werden. Das muss schon in der Ausbildung beginnen und in der Anpassung von Vorgaben der Berufsstände.

Hamburg News: Noch ein letzter Blick in die Zukunft: Was ist der nächste Schritt in der KI-Forschung?

Neumann: Die Entwicklung von emotionalen Robotern ist ein nächster interessanter Schritt. KI soll lernen, menschliche Gefühle zu verstehen und dann auch zu simulieren. Dazu ist eine Kombination von Sprachverständnis und dem Verstehen von Mimik nötig. So könnte ein Autofahrer seinem digitalen Assistenten den Sprachbefehl „Radio an“ geben, und anhand der Mimik würde die KI solange den Sender wechseln, bis das richtige Programm gefunden ist. Doch vor allem in der Pflege wäre diese Anwendung interessant und ist dort aktuell tatsächlich ein heißes Thema.
ys/kk

Das Interview führte Yvonne Scheller

HITeC - Hamburger Informatik Technologie-Center e.V.

HITeC ist das Forschungs- und Technologietransferzentrum des Fachbereichs Informatik an der Universität Hamburg und versteht sich als Brücke zwischen Universität und Wirtschaft. Zu den Aufgaben gehören die Durchführung anwendungsorientierter Forschungsvorhaben, die Verbreitung anwendungsorientierter Forschungsergebnisse, die Vermittlung von Kontakten zwischen Firmen und Studierenden oder die Unterstützung bei Unternehmensgründungen aus der Universität heraus. Unternehmen können mit HITeC beispielsweise in Form von Kooperationsprojekten und Auftragsforschung und -entwicklung zusammenarbeiten oder projektbegleitende Unterstützung erhalten.

Weitere Informationen unter:
www.inf.uni-hamburg.de

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