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Umgangsformen im digitalen Umfeld ändern sich rasant.  - © Rieka Anscheit

Du oder Sie? Tipps zum sicheren Auftritt in der digitalen Szene

Hallo oder sehr geehrter, Kostüm oder Hoodie? Im digitalen Zeitalter verändern sich die Spielregeln. Tipps von Digitalexpertin Christiane Brandes-Visbeck

In der digitalen Szene, die das Netz als besseren Ort bezeichnet, galten von Anfang an eigene Regeln. Doch da das Digitale zunehmend auch die klassischen Bereiche durchdringt, ist es gar nicht mehr so leicht, den passenden Ton zu treffen. Wer im feinen Zwirn bei einer Meetup-Veranstaltung erscheint, zieht damit Blicke auf sich – möglicherweise ungewollt. Und Höflichkeitsfloskeln in Mails gelten in der digitalen Welt nicht nur als Zeitverschwendung, sondern mutieren schnell zur Quelle von Missverständnissen.

Über die neuen Verhaltens-Codes sprach Hamburg News mit Christiane Brandes-Visbeck – als Inhaberin der Agentur Ahoi Consulting auf Kommunikation und Innovation im digitalen Zeitalter spezialisiert. Sie geht beim Gespräch auch direkt zum Du über. Denn: „Das ist so üblich im digitalen Umfeld“, erklärt die Expertin, die bis Ende 2017 in Hamburg Quartiersleiterin der Digital Media Women e.V. (DMW) war, und sich als Mitautorin für “Netzwerk schlägt Hierarchie” auch mit der Thematik Digital Leadership beschäftigt hat.

Hamburg News: Soll ich das förmliche „Sie“ besser immer gleich über Bord werfen?

Christiane: Naja, früher gab es feste Regeln nach denen vom „Sie“ zum „Du“ übergegangen wurde: Alter vor Jugend, Status geht voran und so weiter. In der digitalen Welt hingegen war das „Du“ von Anfang ganz normal. Siezen wirkte hier fremd, wurde gelegentlich als Mittel zur Abgrenzung genutzt. Aber: Durch die zunehmende Vermischung der Welten hält nun manchmal auch wieder das „Sie“ in Social Media Einzug. Denn wenn du mit jemanden über Facebook kommunizierst, den du offline siezt, kannst du online nicht plötzlich zum „Du“ übergehen…

Hamburg News: Wie weiß ich also, welche Anrede gerade die passende ist?

Christiane: Da ist Fingerspitzengefühl gefragt. Aber es ist ohnehin eine entscheidende Sozialkompetenz in digitalen Zeiten: Herauszufinden was wo gut funktioniert. Und noch mehr als zuvor gilt heute: Über meine Kommunikation transportiere ich, wer ich bin. Das „Du“ verspricht Kommunikation auf Augenhöhe. Dazu passt die zunehmende Bescheidenheit bei Titeln. Statt ´Leiter Innovation`, verstehen sich kreative Chefs als Teil des Innovationsteams und stellen sich nicht unbedingt als „Head of“ vor. Dahinter steckt vielleicht auch ein unbewusster Protest gegen die Ellenbogengesellschaft und eine Sehnsucht nach ´Lagerfeuer`.

Auch Demut und Dankbarkeit sind prägende Begriffe. Achte mal darauf: In der digitalen Szene heißt es ganz oft: Danke für dein Input, für deine Idee, deine Zeit. Und wurden früher beim Smalltalk Gemeinsamkeiten über Lästern hergestellt, funktioniert heute ein ehrliches Lob viel besser. Im digitalen Zeitalter vor Trump, als wir noch dachten, das Netz ist ein besserer Ort, spielte das Herz eine große Rolle.

Hamburg News: Wirklich? Manche kurze Mails wirken vielleicht doch eher schroff…

Christiane: Oh, es ist einfach nur praktisch. Wenn du die zunehmende E-Mail-Flut bewältigen willst, ist das nur zu schaffen, wenn du dich kurz hältst. Je häufiger man sich schreibt, desto schneller sind Anrede und abschließende Grußformel überflüssig, dafür können Emoticons die Richtung deiner Aussage verdeutlichen. Die sind aber nicht überall willkommen. Man muss auch hier ganz genau wissen, mit wem man kommuniziert. Je digital affiner, desto mehr herrscht ein knapper Stil vor und lange Erläuterungen verwirren nur. Denn wer viel kommuniziert, sucht den Text nur nach Buzzworten ab, um den Inhalt möglichst schnell zu erfassen. Und wenn du das durch lange und komplizierte, möglicherweise schlecht strukturierte Ausführungen erschwerst, musst du mit Verärgerung beim Kommunikationspartner oder sogar Missverständnissen rechnen.

Projektreport im Team

Hamburg News: Wieder andere verärgere ich vielleicht, indem ich auf die guten alten Floskeln verzichte…

Christiane: Die Gefahr besteht, das ist wahr. Wurden Mails ursprünglich wie Briefe – nur eben elektronisch – geschrieben, ist heute die knappe Kommunikation wie bei WhatsApp, Twitter oder Slack der Maßstab. Ansonsten gilt wie immer in der Kommunikation: Spiegeln. Pass deine Kommunikation der deines Gegenübers an.

Hamburg News: Und wenn ich mein Gegenüber zum ersten Mal anmaile: „Du“ oder „Sie“?

Christiane: Bei digitalen Unternehmen oder solchen, die sich betont offen und innovativ geben, ist das „Du“ auch in der ersten Mail ok. Besonders wenn der Angeschriebene Social-, Innovation- oder Community-Manager ist. Bei alteingesessenen Handelsunternehmen, Banken oder Versicherungen hingegen bist du mit „Sie“ auf der sicheren Seite. Oft startet der Kontakt formal und wird schnell lockerer: Von ´Sehr geehrte/r` über ´Hallo` oder auch gern ´Lieber/Liebe` – da sind wir wieder beim Herz – bis zum Verzicht auf Anrede und abschließende Grußfloskel.

Hamburg News: Wie steht es mit dem Dresscode – was sagen hier die Regeln?

Christiane: Die digitale Szene ist leger unterwegs. Es muss nicht immer T-Shirt, Jeans und Hoodie sein, aber die klassische Business-Uniform, weiße Bluse und Blazer, bzw. Schlips und Kragen, findest du hier eher selten. Im Grunde gibt es keine Regeln, höchstens Trends, und die gehen aktuell in Richtung Wertigkeit, Nachhaltigkeit und Individualität, entsprechend der Maker-Bewegung. Über ein besonderes Stück von einem örtlichen Designer kommst du auch gut ins Gespräch – denn Austausch und Netzwerken sind das A und O, nicht nur im Digitalen.
ys/kk

Quelle und weitere Informationen:
www.ahoi-consulting.de
www.digitalmediawomen.de

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