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European XFEL-Wissenschaftler Maurizio Vannoni prüft den neuen Röntgenspiegel, dessen Oberfläche nicht mehr als einen milliardstel Meter von der Idealform abweicht.  - © European XFEL

XFEL, DESY & Co: Wie Wissenschaft in Hamburg auf die Straße kommt

Science Slam, 12min.me, Wissen vom Fass - Viele Veranstaltungsformate wollen Fach-Themen anpassbar und verständlich machen. Kommt die Idee beim Publikum an?

Wissenschaftliche Themen haben es schwer, in der Öffentlichkeit Gehör zu finden. Sie gelten als zu wenig greifbar, um ein breites Publikum zu erreichen. Dabei liegt es oftmals an der Wahl des Formats, ob vermeintlich komplizierte Inhalte verständlich vermittelt werden können. In Hamburg haben sich mehrere Veranstaltungsreihen etabliert, die diesem Anspruch gerecht werden wollen.

Eine davon ist 12min.me. Das Hamburger Eventformat hat sich seit seinem Auftakt im Oktober 2013 zu einem Hit in ganz Deutschland entwickelt, und sogar darüber hinaus. Bei den Afterwork-Sessions mit verschiedenen – sowohl wissenschaftlichen als auch praktischen – Schwerpunktthemen bleibt eine Regel immer gleich: Die Vortragenden haben genau zwölf Minuten Zeit, um dem Publikum ihr Thema zu veranschaulichen. Nach Ablauf des Zeitlimits läutet gnadenlos eine Schiffsglocke.

Grundlagenforschung verständlich erklärt

Dieser Herausforderung stellte sich zuletzt auch Dr. Arik Willner, Leiter Technologietransfer und Ausgründungen beim Deutschen Elektronen-Synchrotron (DESY). In zwölf Minuten erläuterte er den Teilnehmern der dritten Ausgabe von 12min.COM – Cap’n’Collars, wie Unternehmen die Forschungsmöglichkeiten des weltgrößten Röntgenlasers European XFEL in Hamburg-Bahrenfeld für sich nutzen können. Im Publikum saßen neben Mathematikern, Physikern und Biologen auch Unternehmer, die mit Grundlagenforschung bisher wenig bis gar nicht in Berührung gekommen waren.

„Wir als DESY haben unsere ganz fundamentalen Wurzeln in der Frage, wo wir eigentlich herkommen. Wie hat das Universum direkt nach dem Urknall ausgesehen? Wie haben sich daraus die jetzigen Bausteine der Natur, unsere Teilchen, entwickelt?“, erläuterte Willner zu Beginn seines Vortrags. Die Physik versuche Systeme auf atomarer Ebene zu verstehen, um sie dann zu manipulieren.

Experten im Prototypenbau

Wie die Wirtschaft von dem jüngst eröffneten Röntgenlaser European XFEL am DESY profitieren könne, erläuterte Willner an einem Beispiel aus der Luftfahrtindustrie: „Wird ein Material gesucht, das leicht aber stabil ist, dann lösen wir die Nanostruktur auf und schauen, was wir wegnehmen können ohne die Stabilität des Materials zu gefährden.“ Und auch für junge Unternehmen will das Forschungsinstitut nützlich sein: „Startups haben oft Probleme, einen adäquaten Prototypen für ihre Ideen zu entwickeln und wir sind Experten darin, Prototypen zu bauen.“

Art meets Science: Kunst schafft Öffentlichkeit

Auch mit künstlerischen Aktionen treibt das DESY den Dialog zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit voran. Im Oktober 2017 startete die Kunstausstellung “Dark Matter” – 15 Künstler stellten ihre Werke auf dem Forschungsgelände aus. Ihre Inspiration war das Thema Dunkle Materie, ein wissenschaftliches Rätsel, das am DESY erforscht wird. Schon zur Vernissage schwärmten rund 500 Besucher aus, um Skulpturen, Farbschüttungen und Musikinstallationen zu entdecken, die in den Forschungs- und Testhallen arrangiert wurden.

Die Wissenschaftler nutzten die Gelegenheit, um den Besuchern in anschaulichen Vorträgen die Forschungsziele des DESY zu erläutern: Bisher sei es noch nicht gelungen, dunkle Materie experimentell nachzuweisen. Beobachtungen und Berechnungen zum Beispiel der Rotationsgeschwindigkeit von Galaxien oder Gravitationseffekten im All sollen aber zeigen, dass es sie geben muss. Die Physiker vermuten, dass Dunkle Materie aus bisher unentdeckten Elementarteilchen bestehen könnte. Die Entdeckung von Dunkler Materie wäre demnach eine wissenschaftliche Sensation.


Science Slams: Von Hamburg in die Welt

Kompakte Vorträge, greifbare Beispiele und konkrete Bezüge – auch andere Formate befolgen diese Regeln. So zum Beispiel der Science Slam. Bei diesem Format haben die Vortragenden – in der Regel junge Wissenschaftler – sogar nur zehn Minuten um das Publikum in ihren Themenbereich mitzunehmen. Dafür tauschen die Redner Labore und Hörsäle gegen die Bühnen von Clubs, Theaterhäusern oder Kneipen. Das Besondere an einem Slam: Es handelt sich dabei um einen Vortragswettbewerb, bei dem selbstgeschriebene Texte mitreißend gesprochen werden. Requisiten und Live-Experimente sind erlaubt, um auch fachfremde Zuhörer mit der eigenen Begeisterung anzustecken. Die Slammer wollen Kopf und Herz ihrer Zuschauer erreichen, denn das Publikum bildet die Jury und wählt den Sieger des Abends.

Die ersten Science Slams fanden 2006 in Darmstadt und 2008 in Braunschweig statt, doch der wesentliche Durchbruch erfolgte mit dem ersten Science Slam in Hamburg 2009, der ein großes Medienecho hervorrief. Die Idee habe inzwischen zahlreiche Nachahmer gefunden, so dass es mittlerweile in den meisten deutschen Universitätsstädten Science Slams gebe, heißt es von den Veranstaltern. Auch international sei der Science Slam auf dem Vormarsch.

„Wissen vom Fass“ in 50 Hamburger Kneipen und Bars

Mit einem Bier in der Hand den neusten Ergebnissen aus den Tiefen unseres Universums lauschen? Einen Cocktail schlürfen und dabei mit Forschern plaudern? Kurz: Abends ausgehen und dabei etwas lernen? – das verspricht die Eventreihe „Wissen vom Fass“. Nach der Premiere im Oktober 2015 wurde das Programm beim zweiten Event im November 2016 um eine Vielzahl spannender Themen erweitert. Zuletzt erzählten Forscherinnen und Forscher im April 2017 in rund 50 Kneipen und Bars der Hansestadt anschaulich von ihren Projekten.

Veranstaltet wird „Wissen vom Fass“ vom Forschungszentrum DESY, der Universität Hamburg, dem Exzellenzcluster „The Hamburg Centre for Ultrafast Imaging“, dem Sonderforschungsbereich „Particles, Strings and the Early Universe“ und PIER, der strategischen Partnerschaft zwischen DESY und der Universität Hamburg. Das Format steht unter der Schirmherrschaft der zweiten Bürgermeisterin von Hamburg und Senatorin der Behörde für Wissenschaft, Forschung und Gleichstellung, Katharina Fegebank.

„Nacht des Wissens”: Über 1.000 Programmpunkte

Bildung in entspannter Abendatmosphäre – dies ist auch das Ziel der „Nacht des Wissens”. Im November 2017 öffnen mehr als 50 Hochschulen, außeruniversitäre Forschungseinrichtungen und weitere wissenschaftliche Institutionen in Hamburg und der Metropolregion ihre Türen. Die Wissenschaftler zeigen in über 1.000 Programmpunkten, woran sie forschen. Die Teilnehmer können sich Veranstaltungen zu verschiedenen Themenschwerpunkten – Mensch & Gesellschaft, Wirtschaft & Kommunikation, Medizin & Gesundheit, Natur & Technik, Kunst & Kultur – aussuchen und ihr Abendprogramm ganz individuell gestalten.

Nicht nur zeitlich eine Punktlandung

Spaß und Spannung stehen bei den verschiedenen Science-Veranstaltungen im Vordergrund. Aber können die Speaker die Zuschauer auch tatsächlich mit ihren Inhalten erreichen? Beim 12min.me-Talk machte Arik Willner vom DESY in Bezug auf das zeitliche Limit eine Punktlandung. Dass sein Vortrag trotz der Kürze auch inhaltlich überzeugen konnte – daran blieben angesichts der Menschentraube, die sich in der kurzen Verschnaufpause vor dem nächsten Speaker um ihn bildete, keine Zweifel.
ca/kk

Quellen und weitere Informationen:
www.12min.me
www.artmeetsscience.desy.de
www.scienceslam.de
www.wissenvomfass.de
www.nachtdeswissens.hamburg.de

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