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Neue Blickwinkel finden, Grenzen überschreiten und voneinander lernen – so werden Manager zu besseren Chefs  - © Martin Kielmann, bonprix

Seitenwechsel: Neue Perspektiven für Manager

Neue Blickwinkel finden, Grenzen überschreiten – so werden Führungskräfte zu besseren Chefs. Manager Thomas Körner hat es ausprobiert

Thomas Körner ist die Feuerwehrmentalität fast zur zweiten Haut geworden. In seinem Berufsalltag hat der Abteilungsleiter im operativen Controlling bei bonprix viel mit akuten Situationen zu tun, die schnelle und effektive Lösungen erfordern. Beim Seitenwechsel, einem Persönlichkeitstraining speziell für Führungskräfte, organisiert von der Patriotischen Gesellschaft von 1765, wollte der 52-Jährige eine andere Perspektive erleben. Statt die Rolle des Machers, wollte er die Rolle des Beobachters einnehmen, der eine Situation zwar begleitet, sie aber nicht ad hoc ändern kann.

„Das war ungewohnt für mich, denn ich fühle mich intuitiv immer für konkrete Arbeitsergebnisse verantwortlich. Das ist auch keine schlechte Einstellung für eine Führungskraft, doch sie hat natürlich ihre Grenzen. Niemand kann alle Probleme lösen“, weiß Körner. In der ViaOsdorf, einer Einrichtung, die erwachsene, seelisch erkrankte Menschen bei einer möglichst eigenständigen Lebensführung betreut und begleitet, begegnete er Menschen mit Problemen, für die es nur bedingt kurzfristig Lösungen gibt.

Veränderungen benötigen Zeit

„Darunter war ein Klient, der 20 Jahre harte Drogenszene auf der Straße überlebt hat – trotz Hepatitis und HIV. Er hat im Laufe der Jahre alle Sozialstrukturen verloren und vielfältige Ängste entwickelt.“ Körner erfuhr, wie langwierig und hart der Weg zurück in ein normales Leben ist, selbst wenn Therapie und Medikamenteneinsatz erfolgreich waren. „Da kann es schon ein Erfolg sein, mit großer Mühe seine Angst vor dem Kontakt mit fremden Menschen überwinden.“ Dies geschehe beispielsweise im Bus-Training mit dem Betreuer: Eine Station im Bus, zwei Stationen… „Das zu beobachten, hat mir wieder bewusst gemacht, dass Veränderungen Zeit benötigen, besonders wenn Menschen involviert sind. Im Beruf neigen wir dazu, alles sofort umwerfen zu wollen, um eine Veränderung zu erzielen – und wundern uns dann, wenn der Erfolg ausbleibt.“

Die eigene Perspektive überprüfen

Das Eintauchen in eine ganz andere Welt – insgesamt stehen beim Seitenwechsel acht Erfahrungsbereiche zur Auswahl, darunter die Arbeit mit Obdachlosen, Straftätern oder Suchtkranken – hat Körner dazu gebracht, den Blick auf das eigene Leben privat und beruflich neu zu justieren. „Zu sehen, wie Menschen unter existentiellen Sorgen leiden, rückt die eigene Perspektive im Umgang mit alltäglichen Problemen wieder zurecht.“ Das sei zwar keine neue Erkenntnis, doch im hektischen Berufsalltag verliere man eben auch Selbstverständliches leicht aus den Augen. „Wenn heute ein Projekt zu scheitern droht, stelle ich mir den ´worst case` vor. Das rückt alles wieder in die richtigen Relationen, denn ein misslungenes Projekt ist in meinem Berufsalltag schlicht keine existentielle Gefahr“, so Körner.

Den Menschen stärker in den Fokus rücken

Auch im Umgang mit seinen Mitarbeitern beobachtet er eine größere Gelassenheit an sich. „Mir fällt es nach meinem Seitenwechsel leichter, meinen Mitarbeitern auch dann Verantwortung zu übertragen, wenn das Risiko besteht, dass es nicht zu einem zielführenden Resultat kommt.“ Schließlich ist es auch ein Ziel, dass der Mitarbeiter an seinen Aufgaben wächst – oder aus seinen Fehlern lernt. „Ich schaue heute noch mehr auf den Menschen statt auf das Sachthema und nehme mir mehr Zeit für ein persönliches Wort.“ Wie wichtig persönliche Zuwendung sein kann, hat er ebenfalls beim Seitenwechsel erlebt, sowohl indem er einfach zuhörte oder beim Table-Quiz im Café die Mannschaft ergänzte, aber auch als Ansprechpartner auf Augenhöhe. „Die Klienten in der ViaOsdorf sind sich ihrer Krankheit sehr bewusst, was oft zu Berührungsängsten führt. Beim Seitenwechsel aber war ich ´nur der Praktikant` und damit ein auch Sparringspartner für den Umgang mit Menschen aus der vermeintlich heilen Welt.“

Toleranz und Sensibilität nachhaltig verbessern

Der Seitenwechsel sei eine intensive und wertvolle Erfahrung gewesen, betont Körner und habe seine Toleranz und Sensibilität anderen Menschen gegenüber weiter verstärkt. Wird dieses Bewusstsein anhalten? Sein Seitenwechsel liegt nun gut fünf Monate zurück und längst ist der Alltag wieder eingekehrt. „Zum Seitenwechsel gehört auch ein Nachberatungs-Tag, der hat gerade stattgefunden. Und da sind alle meine Erfahrungen noch einmal sehr lebendig geworden. Mir ist aber klar, wenn ich will, dass dies dauerhaft so bleibt, muss ich selbst aktiv daran arbeiten.“ Auch darum hält er den Kontakt zur Einrichtung. Die Weihnachtsfeier in der ViaOsdorf steht fest im Kalender. „Ebenso der nächste Termin für das Cafe-Quiz im Team der einen Klientin. Da bin ich dabei.“
ys/kk

Quelle und weitere Informationen unter:
www.bonprix.de

Doris Tito
Programm Seitenwechsel

*Beim Seitenwechsel handelt es sich um ein Programm der Patriotischen Gesellschaft von 1765 mit Sitz in Hamburg.
Mehr als 2.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus ganz Deutschland haben bereits die Seiten gewechselt. Hamburg News sprach mit Programmleiterin Doris Tito über Motivation und Ziele des Programms.*

Hamburg News: Können Sie den Seitenwechsel kurz skizzieren?

Doris Tito: Der Seitenwechsel ist ein Persönlichkeitstraining, in dem Führungskräfte für eine Woche als Praktikanten in einer sozialen Einrichtung mitarbeiten. Das Programm besteht aus drei Modulen. Am Anfang steht die Vorbereitung auf den Rollenwechsel und die Teilnehmer erhalten Tipps für die Auswahl. Auf der sich anschließenden Marktbörse stellen sich die verschiedenen sozialen Einrichtungen vor. Allein in Hamburg nehmen über 70 Einrichtungen teil, darunter psychiatrische Kliniken, Unterkünfte für Obdachlose und Flüchtlinge, Strafanstalten, Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe, Wohn- und Arbeitsstätten für Behinderte, Hospize, Palliativstationen und Suchtkliniken. Im Zentrum steht dann das einwöchige Praktikum und um eine möglichst große Nachhaltigkeit zu gewährleisten, schließt das Programm mit einem Transfertag.

Hamburg News: Was kann der Seitenwechsel bewirken?

Doris Tito: Das Verlassen der eigenen Berufswelt und der Führungsposition führt zu einem ausgeprägten Perspektivwechsel und erweitert den Horizont sowie den Spielraum im Umgang mit Menschen in schwierigen Lebenssituationen. Die Seitenwechsler werden durch die Reflektion ihrer Erfahrungen in die Lage versetzt, sich selbst intensiv zu hinterfragen, die eigenen Werte und Normen zu überprüfen und zugleich die persönliche Resilienz zu stärken.

Hamburg News: Was sollte ein potentieller Seitenwechsler mitbringen?

Doris Tito: Offenheit und die Bereitschaft, sich auf Begegnungen auf Augenhöhe mit den Menschen, die sie vor Ort treffen, einzulassen, um so die eigenen Vorstellungen zu überprüfen.

Hamburg News: Was kostet der Seitenwechsel?

Doris Tito: Die Kosten für das gesamte Programm betragen 2.300 Euro plus Mehrwertsteuer, davon gehen 700 Euro an die soziale Einrichtung als Aufwandsentschädigung. Die restlichen 1.600 Euro ermöglichen die Kostendeckung des nicht gewinnorientierten Programms.

Die nächsten Marktbörsen in Hamburg finden am 5. Dezember 2017 und am 6. Februar 2018 statt
www.seitenwechsel.com

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