Hamburg News / Handel & Finanzen: Der Hamburger Innenstadtbereich ist. u.a. durch vielfältigtste Shoppingmöglichkeiten geprägt. Zudem haben sich z.Bsp. auch Banken, Handelsunternehmen und die Hamburger Börse in dem Kernbereich der Stadt angesiedelt.
Hauptgeschäftsführer Hans-Jörg Schmidt-Trenz - © Handelskammer Hamburg/Christian Stelling

Schmidt-Trenz: China bietet viele neue Investitionsmöglichkeiten

Der Hauptgeschäftsführer der Handelskammer Hamburg über Chancen im Handel mit China, die Brexit-Folgen und Zukunftsthemen für 2017

Kurz vor dem “Hamburg Summit: China meets Europe” und nach der Wahl von Donald Trump zum neuen US-Präsidenten, die in der Hamburger Wirtschaft Sorgen über erschwerten Welthandel auslöste, spachen die Hamburg News mit dem Hauptgeschäftsführer der Handelskammer, Hans-Jörg Schmidt-Trenz. Fast ein halbes Jahr nach dem Brexit-Votum geht es um die bisherigen Auswirkungen auf die Wirtschaft, die hochkarätig besetzte China-Konferenz in der kommenden Woche und um Schwerpunktthemen 2017.

Hamburg News: Welche Folgen haben sich für die Hamburger Wirtschaft bisher aus dem Brexit ergeben?

Schmidt-Trenz: Bislang halten sich die Auswirkungen des Brexit für die Hamburger Unternehmen in Grenzen. Sie werden sich aber im Verlauf der nächsten Jahre zeigen: Gemäß einer Umfrage, die wir bei allen unseren Mitgliedsfirmen mit Großbritannien-Geschäft gemacht haben, erwartet mittelfristig rund die Hälfte der befragten Firmen einen Rückgang ihres Außenhandels mit Großbritannien. Zudem geht ein Drittel der befragten Unternehmen von sinkenden Investitionen im Vereinigten Königreich aus. Erfreulich: Ein Rückgang bei Beschäftigung und Investitionen hier bei uns in Hamburg wird nur von drei Prozent der Unternehmen erwartet. Als größte Risiken sehen die Unternehmen die Zunahme von Handelshemmnissen, wie zum Beispiel von Zöllen. Auch die politische und rechtliche Unsicherheit wird von vielen Firmen kritisch gesehen.

Hamburg News: Ergeben sich auch Chancen für die Hamburger Wirtschaft?

Schmidt-Trenz: Der Brexit kann für Hamburg auch Vorteile bringen: Viele Unternehmen, die in London ihre Europazentralen eingerichtet hatten, suchen nun neue Standorte innerhalb des Binnenmarktes. Gerade für chinesische und japanische Unternehmen, von denen sich bereits jetzt sehr viele in der Hansestadt befinden, oder auch für Schifffahrtsunternehmen aus Griechenland oder Asien könnte Hamburg jetzt in den Fokus für ihre Europazentralen rücken. Mit diesen Unternehmen ist Hamburg bereits intensiv im Gespräch – allerdings auf hanseatische Art, das heißt diskret und ohne dass darum sehr viel Aufhebens gemacht wird. Wenn Hamburg asiatische Unternehmen gewinnen möchte, ist das sicher auch genau der richtige Weg.

Hamburg News: Neben den zurzeit schwer absehbaren Auswirkungen der US-Wahl auf den Welthandel, welche weiteren Entwicklungen haben derzeit einen besonders großen Einfluss auf die Hamburger Wirtschaft – zurzeit, aber auch im kommenden Jahr?

Schmidt-Trenz: Besonders problematisch für unseren Standort ist sicherlich die schwierige wirtschaftliche Lage in Russland, die durch die Sanktionen des Westens, den Rubel-Verfall, sinkende Einnahmen durch niedrige Rohstoffpreise und mangelnde Strukturreformen geprägt ist. Diese sehr schwierige Gemengelage hat dazu geführt, dass der Hamburger Export nach Russland im vergangenen Jahr um 70 Prozent gesunken ist. Der Containerumschlag unseres Hafens mit Russland ist 2015 um ein Drittel zurückgegangen. Das ist für den Außenwirtschaftsstandort Hamburg ein schwerer Schlag ins Kontor, und Besserung ist erst einmal nicht zu erwarten. Die Hamburger Firmen fahren auf Sicht und versuchen, so lange es verkraftbar ist, mit ihren Niederlassungen im riesigen russischen Markt präsent zu bleiben.

Generell bereitet uns ein zunehmender Protektionismus in der Welt große Sorge. Mehr als ein Drittel der international aktiven deutschen Betriebe muss sich Jahr für Jahr mit neuen Hindernissen auseinandersetzen. Dies betrifft Zölle und Einfuhrsteuern, aber auch zusätzliche Sicherheitsanforderungen oder intransparente lokale Marktzulassungsvorgaben. Oder es gibt Subventionen, die die heimischen Unternehmen der jeweiligen Länder deutlich bevorteilen. Selbst kleine Veränderungen bei den Zertifizierungsanforderungen können große negative Effekte auf die grenzüberschreitenden Geschäfte unserer Unternehmen haben.

Hinzu kommt – gerade hier in Deutschland – eine steigende Globalisierungsfeindlichkeit. Die Globalisierung kann man nicht aufhalten, man kann aber mit Freihandelsabkommen, möglichst auf globaler Ebene, Handelsbarrieren abbauen, Vereinfachungen im Warenverkehr erzielen sowie mehr Transparenz bei Regulierungen und Vorschriften erreichen. Das heißt, mit Freihandelsabkommen können wir der zunehmenden Marktöffnung vernünftige Regeln geben, die auf unseren westlichen Umwelt- und Sozialstandards basieren. Das ist mit dem ausverhandelten CETA-Abkommen zwischen Kanada und der EU gelungen. Ich hoffe sehr, dass es nun bald umgesetzt werden kann.“

Hamburg News: Wie entwickelt sich der Handel mit China, worauf sollte sich die Wirtschaft im Norden einstellen?

Schmidt-Trenz: Die chinesische Wirtschaft ist vom Boom-Modus in den Modus des ‚New Normal‘ gewechselt. Das heißt, die Zeiten der zweistelligen Wachstumsraten der chinesischen Wirtschaft sind vorbei. Dennoch kann das Reich der Mitte mit Zuwachsraten um sieben Prozent immer noch einen soliden Wachstumskurs vorweisen. Fest steht aber: Viele Unternehmen müssen ihr Geschäftsmodell in Bezug auf China überprüfen. Das Reich der Mitte ist längst nicht mehr die Werkbank der Welt mit günstigen Arbeitslöhnen oder ein Absatzmarkt für beispielsweise technologisch nicht sehr hochwertige Maschinenbauprodukte. Vielmehr baut China derzeit seine Wirtschaftsstruktur komplett um und setzt auf qualitatives statt auf quantitatives Wachstum sowie auf eine stärkere Entwicklung des chinesischen Binnenmarktes.

Hamburg News: Was heißt das für Hamburg?

Schmidt-Trenz: Das wichtigste Wort in der chinesischen Wirtschaftspolitik heißt derzeit ‚Innovation‘. Das bietet neue Ausfuhr-, Investitions- und Kooperationsmöglichkeiten für Hamburger Firmen, insbesondere in den Bereichen der Erneuerbaren Energien, der Gesundheitswirtschaft, der Logistikwirtschaft und so weiter. Für Hamburger Unternehmen, die bisher Billigprodukte in China herstellen ließen oder technologisch nicht sehr anspruchsvolle Produkte in das Land ausführten, ist das Reich der Mitte in einigen Jahren möglicherweise nicht mehr der richtige Partner.

Die chinesische Wirtschaft macht derzeit einen tiefgreifenden Transformationsprozess durch, und deutsche und europäische Firmen sollten die angestoßenen Reformen genau beobachten. Dazu dient auch der “Hamburg Summit: China meets Europe”, der am 23. und 24. November in unserer Handelskammer stattfinden wird. Hochrangige Sprecher wie die mächtigste Frau Chinas, die stellvertretende chinesische Ministerpräsidentin Liu Yandong, Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier, der stellvertretende Präsident der Europäischen Kommission, Jyrki Katainen, Alt-Bundeskanzler Gerhard Schröder und der ehemalige Vize-Kanzler Joschka Fischer werden ein gutes Bild zeichnen über die derzeitige und künftige Lage der chinesischen Wirtschaft und über die Wirkungsmöglichkeiten für europäische Unternehmen auf dem dortigen Markt.

Hamburg News:: Ein weiteres Thema, das viele Unternehmen umtreibt, ist Handel 4.0, Internet of things – die Digitalisierung. Wie ist die Hamburger Wirtschaft aufgestellt – gibt es aktuelle Umfragen, Daten, Erkenntnisse?

Schmidt-Trenz: Laut einer aktuellen Umfrage unserer Handelskammer hat für über 90 Prozent der Hamburger Unternehmen die Digitalisierung eine entscheidende Bedeutung für die zukünftige Entwicklung ihrer Geschäfts- und Arbeitsprozesse. Erfreulich ist in diesem Zusammenhang, dass große Teilen der Hamburger Unternehmerschaft die Digitalisierung als Chance wahr nehmen, zum Beispiel mit Blick auf die erwartete Steigerung des Absatzes oder einer positiven Beeinflussung des Beschäftigungsstandes. Mit der Einrichtung eines Hamburger Kompetenzzentrums Mittelstand 4.0 wird unsere Handelskammer ab Dezember dem hohen Informationsbedarf unserer Mitglieder noch besser begegnen und auch konkrete Umsetzungsprojekte mit auf den Weg bringen.“

Hamburg News: Gibt es weitere wichtige Trends und Entwicklungen, die durch den Fokus auf die Digitalisierung vielleicht etwas aus dem Blick geraten sind?

Schmidt-Trenz: Hamburg ist mit seinen 19 staatlichen und staatlich anerkannten Hochschulen, zahlreichen außeruniversitären Forschungseinrichtungen und einigen Zentren für die angewandte Forschung wissenschaftlich in vielen Zukunftsfeldern breit und gut aufgestellt. Um dieses Potenzial für die Wirtschaft allerdings besser als bisher auszuschöpfen, muss noch einiges getan werden. So sollten die schon seit längerem in der Diskussion befindlichen Technologieparks im Umfeld des DESY in Lurup beziehungsweise Bahrenfeld, am Energie-Campus und dem Laserzentrum Nord in Bergedorf sowie rund um die Technische Universität in Harburg endlich in Angriff genommen werden. Ebenso muss die angewandte Forschung weiter gestärkt werden. Hierzu bietet es sich an, die bestehende Fraunhofer-Strategie des Senats zu erweitern. Ziel muss es sein, möglichst bis zum Jahr 2020 mindestens ein eigenständiges Fraunhofer-Institut in Hamburg etabliert zu haben.

Hamburg News: Was ist 2016 gut gelaufen, was haben Sie sich für 2017 vorgenommen, welches wird der Schwerpunkt Ihrer Arbeit im kommenden Jahr sein?

Schmidt-Trenz: Sehr gut läuft bis jetzt unsere Kampagne ‘Ran ans Mitglied‘. Unsere Mitarbeiter werden in diesem Jahr voraussichtlich 5.000 Firmen besuchen und bei unseren Kommunikationsinstrumenten haben wir uns neu aufgestellt: Zum einen sind wir jetzt noch aktiver in den Sozialen Medien, wie zum Beispiel bei Facebook und Twitter. Und zum anderen geben wir eine vierteljährliche Zeitung speziell für kleine und mittlere Unternehmen heraus, die sehr gut angenommen wird.

Auch im kommenden Jahr werden wir intensiv die Nähe unserer Mitglieder und unseres Ehrenamtes suchen, um auf aktuelle Trends und Themen schnell reagieren zu können. Natürlich wird die nächste Plenarwahl im kommenden Januar und Februar Einfluss auf unsere künftigen Schwerpunkte haben. Aber was wir 2017 sicherlich noch intensiver begleiten werden, ist das Thema Digitalisierung – sowohl in unserer Kammer als auch bei der digitalen Transformation unserer Mitgliedsunternehmen und der Einführung neuer Geschäftsmodelle.

Quellen und weitere Informationen:
www.hk24.de

Interview: Karolin Köcher

Weitere Artikel

  • Es gibt keine älteren Artikel in dieser Kategorie.
  • Es gibt keine neueren Artikel in dieser Kategorie.