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Henrik Falk Hamburger Hochbahn AG - © Henrik Falk Hamburger Hochbahn AG

Hochbahn-Chef Henrik Falk: Hamburg kann Modellstadt sein

Seit einem Jahr im Amt steht er wie kaum ein anderer für das Thema Digitalisierung. Im Interview spricht Falk über den ÖPNV 2020 und den ITS-Weltkongress

Seit genau einem Jahr steht der gebürtige Berliner an der Spitze der Hamburger Hochbahn. Im Gespräch mit den Hamburg News zieht Henrik Falk eine erste Bilanz, blickt in die Zukunft und erläutert, wie er den ÖPNV smart machen will.

Hamburg News: Ein Jahr in Hamburg. Wie geht es Ihnen, Herr Falk?

Henrik Falk: Sehr gut. Ich habe meine Entscheidung keine Sekunde bereut. Die Hochbahn ist ein sehr spannendes Unternehmen – zudem bin ich hier sehr offen und herzlich aufgenommen worden.

Hamburg News: Ihr Name scheint untrennbar verbunden mit der Digitalisierung und der Transformation. Woher kommt Ihre Begeisterung für die Technik?

Henrik Falk: Ich bin gar nicht so technikaffin! Zugegeben, ich mache viel mit dem Handy, auch privat. Aber beispielsweise meine Frau kennt sich mit vielen Geräten oft besser aus als ich. Auch in meiner Zeit als Anwalt hatte ich nur wenig mit Digitalisierung zu tun. Aber ich liebe Herausforderungen, das ist ganz sicher etwas, was mich ausmacht. Über meinen beruflichen Wechsel zu den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) erfolgte der Schritt zum Nahverkehr und damit zum Thema Mobilität – und das hat schon heute viel, aber künftig noch mehr mit Digitalisierung zu tun. Mein Job als Vorstandsvorsitzender ist es nun, über strategisches Denken und Handeln die Hochbahn und ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in eine erfolgreiche Zukunft zu führen. Wenn ich also für das Topthema Digitalisierung keinen Enthusiasmus hätte, dann hätte die Hochbahn ein Zukunftsproblem.

Hamburg News: Entwerfen Sie gern mal ein enthusiastisches Bild vom Nahverkehr der Zukunft. Wie bewegt sich der moderne Fahrgast 2020 in Hamburg?

Henrik Falk: Um das Thema Fahrscheintarife und Fahrschein wird er sich definitiv nicht mehr kümmern müssen. Das ist das Thema „Check-in-be-out“, das wir gerade zügig angehen. Der Fahrgast checkt ein mit dem Smartphone, beim Verlassen des Fahrzeugs wird er automatisch ausgecheckt und bekommt garantiert den besten Preis abgerechnet. 2020 wird er wirklich flächendeckend WLAN haben – als Synonym für schnelles Internet. Auf Zubringerstrecken und -netzen wird es erste autonome Fahrzeuge geben, also zunächst Kleinbusse ohne Fahrer. Mit dem Thema Ridesharing, bei dem sich mehrere Kunden ein Fahrzeug auf einer Strecke teilen, beschäftigen wir uns derzeit intensiv. Aber auch mit der tatsächlichen Vernetzung aller bestehenden, geteilten Mobilitätsangebote. Hier wird 2020 über einen wirklich einfachen Zugang eine echte Alternative zum eigenen Pkw entstanden sein. Bis 2020 werden wir das autonome Fahren aber noch nicht flächendeckend erleben, da werden noch einige Jahre ins Land gehen. Es gibt auch Grenzen des Enthusiasmus.

Hamburg News: Wir sprechen über 2020 – das ist schon in drei Jahren. Wie sieht im Zeitalter der technischen Beschleunigung denn Ihre Langfristplanung aus?

Henrik Falk: Man darf nicht vergessen, dass wir auch sehr langfristige Infrastruktur stellen, da sprechen wir zum Beispiel über die Anschaffung eines komplett neuen Bussystems – so werden wir ab 2020 ausschließlich emissionsfreie Busse anschaffen. Das allein ist eine kleine, parallel laufende Revolution. Allein in diesem Jahr fließen 100 Millionen Euro in neue U-Bahnfahrzeuge. Parallel arbeiten wir an dem Jahrhundertprojekt einer neuen U-Bahnlinie, der U5. Selbstverständlich wird diese dann automatisch fahren. Mit diesen Neuerungen ist auch eine große Chance verbunden: den ÖPNV auch in der öffentlichen Wahrnehmung smart zu machen.

Hamburg News: Was meinen Sie damit?

Henrik Falk: Der ganze Hype um autonomes Fahren, Sharing-Modelle – in Wahrheit ist das doch nicht neu, das machen wir bereits seit mehr als hundert Jahren. Denn in Bus und Bahn müssen Sie nicht selbst fahren, und Sharing ist es der Natur nach schon immer! Das nennt nur niemand so. Schon der Name ÖPNV hat nicht den Sexappeal, auf den Uber, Mercedes oder google jetzt setzen. Immer mehr Player erkennen, dass öffentlicher und individualisierter Verkehr zusammenwachsen. Wenn wir Sharing zu Ende denken, ist dann alles öffentlicher Nahverkehr. Unsere Aufgabe ist, es so umzusetzen, dass Menschen öffentliche Verkehrsmittel nicht nur nutzen, weil sie keine andere Wahl haben, sondern weil es eine bewusste Entscheidung ist, die einem urbanen, nachhaltigen Lebensgefühl entspricht. Ich als Kunde fahre, worauf ich Lust habe. Das hat ganz viel mit modernem Lifestyle zu tun und da müssen wir ran.

Hamburg News: Ich fahre Bus, also bin ich? Wie wollen Sie diesen Imagewandel schaffen?

Henrik Falk: Dafür entwickeln wir gerade eine Strategie. Jedenfalls müssen wir in der Kommunikation provokanter werden, um den Nerv der Stadt und der Kunden noch mehr zu treffen.

Hamburg News: Wie schwören Sie Ihre Mitarbeiter auf ihren digitalen Kurs ein, konkret: Was halten 1.900 Busfahrer zum Beispiel von autonomen Fahrzeugen?

Henrik Falk: Ein absolut elementarer Punkt! Wir diskutieren das sehr offen. Wichtig dabei: Ich stehe dem Thema Digitalisierung nicht nur euphorisch gegenüber. Auch ich liebe meine Privatsphäre und will nicht nach irgendwelchen Algorithmen leben. Wie gesagt – mein Job ist es, den Hochbahnern einen Weg in die sich immer mehr digitalisierende Welt und in eine erfolgreiche Zukunft zu gewährleisten. Die soziale Frage hinter der Digitalisierung ist die eigentliche Kernfrage. Dieser müssen wir uns ganz offen stellen.

Hamburg News: Haben Sie eine Antwort?

Henrik Falk: Da sehe ich eines sehr klar: Ich kann Dinge nur managen, die ich selber verstehe. Kein Mensch kann heute sagen, wann oder ob es soweit sein wird, dass es bei der Hochbahn weniger Busfahrer geben wird. Wenn Sie zur Hauptverkehrszeit Bus und Bahn fahren, bekommen Sie ein Gefühl für die Komplexität des gesamten Systems. Das wird auch für autonome Systeme eine große Herausforderung. Will ich über diese Prozesse, die wirklich disruptiv und kritisch sind, viel wissen und lernen, muss ich mir nicht nur anschauen, was andere wie zum Beispiel Uber und Tesla machen, sondern auch eigene Projekte hier vor Ort haben, an denen ich sehe, welche Auswirkungen sie auf mein eigenes System haben. Erst dann kann ich zur richtigen Zeit die hoffentlich richtigen Maßnahmen für die HOCHBAHN gemeinsam mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern entwickeln und erarbeiten. Alles andere wäre ein unternehmerrischer Blindflug. Auf diesem spannenden Weg will ich natürlich alle Mitarbeiter mitnehmen.

Hamburg News: Sie haben 5.000…

Henrik Falk: Deshalb starten wir eine große Informationskampagne und werden ab April auf 22 Veranstaltungen informieren und diskutieren. Außerdem geht demnächst unser neues Mitarbeiterportal online, da können zum Beispiel über die Chat-Funktion Fragen direkt an mich gestellt werden. Und die werde ich dann auch beantworten. Wir wollen da größtmögliche Transparenz schaffen.

Hamburg News: Sie haben kürzlich ihre erste vorläufige Bilanz 2016 bekannt gegeben. Rekordzahlen bei Umsatz (rund 500 Millionen) und Fahrgästen (plus 2,2 Prozent), zudem wollen Sie 2017 rund 300 Millionen Euro investieren. Sind die guten Zahlen bereits eine Folge Ihrer Digitalstrategie?

Henrik Falk: Das wäre etwas verkürzt. Aber es wäre ja traurig, wenn wir das alles angehen und umsetzen, ohne auch wirtschaftliche Erfolge zu erzielen. Also: Es wird besser!

Hamburg News: Eine letzte Frage zur digitalen Vernetzung der Stadt. Wie ist Hamburg Ihrer Meinung nach aufgestellt?

Henrik Falk: Da ist gerade in den letzten Wochen und Monaten viel passiert. Es ist großartig, dass Hamburg die Ambition hat, den ITS Weltkongress für intelligente Verkehrssysteme 2021 in die Stadt zu holen. Schon eine Bewerbung gibt einen Push, Projekte werden angestoßen, die das Thema vorantreiben. Ich bin da sehr optimistisch, Hamburg könnte zur Modellstadt werden und damit wirtschaftlichen Erfolg sichern sowie die Lebensqualität durch deutlich weniger genutzte Pkw steigern.

Interview: Karolin Köcher

Weitere Informationen:
www.hochbahn.de

Ein Rekordjahr für die Hamburger Hochbahn

2016 war ein gutes Jahr für die Hamburger Hochbahn. Sowohl bei Fahrgästen als auch bei Einnahmen hat es Rekorde gegeben. Nach vorläufigen Zahlen für 2016 hat die Hamburger Hochbahn demnach rund 443 Millionen Fahrgäste in U-Bahnen und Bussen transportiert, das sind 2,2 Prozent mehr als 2015. Bei einem Umsatz von rund 500 Millionen Euro dürfte auch der Kostendeckungsgrad der Hochbahn steigen, der zuletzt bei rund 90 Prozent lag. Die Stadt musste 60 Millionen Euro Verlustausgleich übernehmen. Das soll 2016 Jahr anders sein. Hochbahnchef Henrik Falk: „Wir werden deutlich unter dieser Summe bleiben.“ 2017 will Deutschlands zweitgrößtes Nahverkehrsunternehmen 300 Millionen Euro investieren.

Henrik Falk

Seit dem 1. Januar 2016 ist Henrik Falk Mitglied des Vorstandes der Hamburger Hochbahn AG, seit dem 1. Februar 2016 Vorstandsvorsitzender. Henrik Falk führte vom 01.11.2008 bis 31.12.2015 den Vorstandsbereich Finanzen und Vertrieb der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG).

Ab 1999 arbeitete er als Rechtsanwalt mit Schwerpunkt Wirtschaftsrecht in Berlin und wurde 2001 Partner einer Anwaltssozietät. Zum 1. April 2004 wechselte Henrik Falk zur BVG als Chefsyndikus und Leiter des Gremienbereiches. Ab 2007 war er Geschäftsführer der BVG-Beteiligungsholding. Henrik Falk wurde in Berlin geboren, ist verheiratet und hat drei Kinder.

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