Forschung in Hamburg - © www.mediaserver.hamburg.de/Norgenta
12min.me mit Dr. Arik Willner (CTO / Leiter Technologietransfer und Ausgründungen, DESY) - © Christin Apenbrink

„Problemlöser à la carte“ - Wie die Wirtschaft vom XFEL profitiert

Der weltgrößte Röntgenlaser European XFEL schafft auch für Unternehmen ganz neue Möglichkeiten. Einzelheiten dazu in einem 12-Minuten-Vortrag

„Was ist das erste, was euch einfällt, wenn ihr an das DESY denkt?“, fragt Dr. Arik Willner, Leiter Technologietransfer und Ausgründungen beim Deutschen Elektronen-Synchrotron (DESY) das Publikum der dritten Ausgabe von 12min.COM – Cap’n’Collars. Als einer von drei Speakern widmete er sich am Dienstagabend (19. September) im InnovationsCampus der Handelskammer Hamburg (HKIC) der Frage, wie die Wirtschaft vom jüngst eröffneten weltgrößten Röntgenlaser European XFEL profitieren kann. Die besondere Herausforderung: nur zwölf Minuten bleiben Willner, um das Publikum für sein komplexes Thema zu gewinnen.

„Teilchen“ raunt es aus einer der hinteren Reihen, „Bahrenfeld“ von weiter vorne. Willner löst die Raterunde auf: „Üblicherweise, wenn ich dieses Spielchen spiele, dann kommt ‚ihr macht doch irgendwas mit Universum‘“. So ganz verkehrt sei das auch nicht, erläutert der promovierte Physiker: „Wir als DESY haben unsere ganz fundamentalen Wurzeln in der Frage, wo wir eigentlich herkommen. Wie hat das Universum direkt nach dem Urknall ausgesehen? Wie haben sich daraus die jetzigen Bausteine der Natur, unsere Teilchen, entwickelt?“

Systeme auf atomarer Ebene verstehen

Vor fast 60 Jahren hat das DESY angefangen in Hamburg Bahrenfeld an diesen Fragen zu forschen. Mit den dort eingerichteten Großgeräten erkunden Forscher den Mikrokosmos – vom Wechselspiel kleinster Elementarteilchen über das Verhalten neuartiger Nanowerkstoffe bis hin zu jenen Prozessen, die zwischen Biomolekülen ablaufen. „Als Physiker versuchen wir Systeme auf atomarer Ebene zu verstehen, um sie dann zu manipulieren.“ Doch was Wissenschaftler am DESY Tag für Tag tatsächlich tun, bleibt für nicht Fachkundige oftmals sehr abstrakt. Und auch Unternehmen stehen vor der Herausforderung, Wege zu finden, die Grundlagenforschung für sich zu nutzen.

Während die Stoppuhr auf dem Display hinter Willner bereits auf knapp acht Minuten heruntergerannt ist, nimmt sich der Speaker die Zeit, die Forschungsziele des DESY an einem greifbaren Gegenstand zu erläutern: einer Holzkiste. „Für den normalen Menschen ist es eine Kiste, für den Wissenschaftler ist dort etwas Spannendes drin.“

European XFEL: Ein neues Zeitalter des Laserlichts

Um herauszufinden, was sich in der Kiste befindet, werde diese am DESY geröntgt: „Wir beschleunigen Elektronen durch elektrische Felder beinahe auf Lichtgeschwindigkeit und bringen sie auf einen magnetischen Parcour. Dadurch beginnen die Elektronen zu schlingern. Und wenn ein Elektron schlingert, dann strahlt es Licht ab. Dieses Licht schicken wir durch die Kiste.“ Durch die Anwendung mathematischer Algorithmen werden Gegenstand und Inhalt schließlich sichtbar. Dass in Willners Beispiel eine Ente in der Kiste enttarnt wird, mag banal klingen, versinnbildlicht aber viel größere Geheimnisse, die am DESY gelüftet werden: „Wir können herausfinden, wie Mechanismen in unserem Nanokosmos funktionieren“, sagt Willner.

Um das dafür notwendige Röntgenlicht zu erzeugen, baue man am DESY – passend zu Hamburg – „dicke Schiffe“. Mit dem nun eröffneten weltgrößten Röntgenlaser European XFEL sei ein neues Zeitalter des Laserlichts angebrochen. „Mit dem European XFEL können wir nicht nur Fotos, sondern auch Filme vom Nanokosmos machen. Das bedeutet, wir können das erste Mal wirklich abbilden, wie eine chemische Reaktion abläuft.“

„Problemlöser à la carte“ für zahlreiche Branchen

An solchen neuen Errungenschaften arbeiten am DESY Mathematiker, Physiker und Biologen gemeinsam mit Technikern, Ingenieuren, Zeichnern und Mechanikern. „Wir bieten ein perfektes Ökosystem für Unternehmen, weil wir Problemlöser à la carte sind“, sagt Willner. So kooperiert das DESY mit zahlreichen Branchen, darunter sind zum Beispiel Partnerschaften in den Bereichen LifeScience, Logistik, Automobil und Chemie. Wie so eine Zusammenarbeit ablaufen kann, erläutert Willner an einem Beispiel aus der Luftfahrtindustrie: „Wird ein Material gesucht, das leicht aber stabil ist, dann lösen wir die Nanostruktur auf und schauen, was wir wegnehmen können ohne die Stabilität des Materials zu gefährden.“

Experten auf dem Gebiet des Prototypenbaus

In Zukunft werde man am DESY noch stärker die Herausforderungen der Industrie angehen. Und nicht nur das: „Aus unserer lösungsorientierten Mentalität entstehen auch neue Firmen am DESY.“ Und auch für junge Unternehmen von außerhalb will das Forschungsinstitut offen sein: „Startups haben oft Probleme, einen adäquaten Prototypen für ihre Ideen zu entwickeln und wir sind Experten darin, Prototypen zu bauen.“

In dieser Sekunde läuft die Stoppuhr auf Null. Zeitlich hat Willner eine Punktlandung gemacht. Dass sein Vortrag trotz der Kürze auch inhaltlich überzeugen konnte – daran bleiben angesichts der Menschentraube, die sich in der kurzen Verschnaufpause vor dem nächsten Speaker um ihn bildet, keine Zweifel.
ca/kk

Quellen und weitere Informationen:
www.desy.de
www.12min.me

Über 12min.me

In der dritten Auflage von “Caps’N’Collars” lud 12min.me in Kooperation mit der Handelskammer Hamburg und der Hamburgischen Investitions- und Förderbank (IFB) zur Diskussion über die wirtschaftlichen Chancen des am 1. September 2017 offiziell eröffneten European XFEL, der Forschungsinfrastruktur des DESY – Deutsches Elektronen-Synchrotron.

12min.me ist ein Hamburger Eventformat, das seit seinem Auftakt im Oktober 2013 ein Hit in ganz Deutschland geworden ist, und sogar darüber hinaus. Inzwischen gibt es von 12min.me zahlreiche Ableger, die sich auf bestimmte Fachgebiete konzentrieren. Etwa auf Gesundheit und Medizin, passenderweise im UKE. Oder auf Geld und Finanzen, unterstützt von der Haspa. Ganz frisch im Programm ist der Ableger “Caps’N’Collars” (oder Kappen und Krägen). Dabei handelt es sich um ein Netzwerkformat für Startups bzw. die New Economy und bereits erfolgreiche Unternehmern der Stadt aus Traditionsunternehmen, Mittelstand und Konzernen.
www.12min.me

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